Holt endlich die Profis!

Erstaunlicherweise wird in Österreich nun schon seit Jahrzehnten in wechselnder Intensität und ohne substanzielle Ergebnisse über eine umfassende Gesundheitsreform debattiert.  Noch erstaunlicher  als diese jahrelangen frustranen Debatten und die bekannten, großteils kläglichen Reformversuche ist aber die Tatsache, dass in allen diesen Bemühungen die Ärzteschaft stets nur eine marginale Rolle spielte und spielt – obwohl Ärzte naturgemäß die Hauptakteure im Gesundheitssystem sind.

 

Selbst zu Zeiten, in welchen Ärzte als Minister aktiv sind, vermögen diese kaum jemals ihre Erfahrung als Gesundheits- und Medizinexperten in die Reformpläne maßgeblich einzubringen. Nicht, weil Ärzte als Politiker prinzipiell inkompetent sind, sondern weil  Ärzte offenbar nur in Spitälern oder Ordinationen als Gesundheits-Profis wahrgenommen werden. Sobald Ärzte politische Aufgaben übernehmen, haben sie anscheinend ein Problem mit ihrer Glaubwürdigkeit, Durchsetzungskraft und Authentizität. Und sie geraten natürlich sofort in das Spannungsfeld von Abhängigkeiten, politischen Interessen und diversen Pressure-Groups.

 

An dieser Malaise sind wir Ärzte einerseits teils selber schuld, da wir und auch unsere Interessensvertretungen noch immer zuwenig daran arbeiten, das Image des Arztes als Gesundheitsexperte besser zu konturieren. Andererseits bestehen aber auch gewisse allgemeine Ressentiments gegen Ärzte als Politiker. Schärfer formuliert: Mediziner in politischen Funktionen sind früher oder später Zielscheibe von Unterstellungen wie: Ärzte würden nur die Interessen von Ärzten vertreten (= Geldverdienen), Ärzte würden nur Schwarzmalerei betreiben („mit dem Leichentuch wacheln“), Ärzte hätten keine gesundheitsökonomische Kompetenz usw. Kurz: Ärzte sollten Ärzte sein und keine Politiker oder Reformer.

 

Die zumindest im Sublimen recht weit verbreitete Grundhaltung, den Medizinern politische und reformorientierte Verantwortlichkeit abzusprechen, ist aber letztlich ein fataler Fehler. Sollen die zukünftig notwendigen umfassenden Systemänderungen vornehmlich unseren nichtärztlichen Politikern, die nur auf kurzfristige Befriedigung ihrer Klientel und Erhaltung des Status quo schielen, überlassen werden? Sollen theoretisierende und ausschließlich auf Einnahmen-Ausgaben-Rechnungen fixierte Gesundheitsökonomen die Reformen strukturieren? Sollen weiterhin Beamte und Funktionäre aus großteils völlig anderen Berufssparten über die Art und Weise der österreichischen Gesundheitsversorgung bestimmen?

 

Diagnostizieren, Behandeln und - wenn möglich – Heilen, so heißen die klassischen Aufgaben des Arztes. Zumindest im täglichen Routinebetrieb in den Ordinationen und Spitälern. Wie es wirklich zugeht im Gesundheitssystem und was wichtig ist für den Patienten, das wissen die Ärzte am Besten, denn die haben den täglichen Kontakt mit denjenigen Menschen, für die das Gesundheitssystem da ist. Und sie haben die Verantwortung.

 

Wäre es daher nicht im Sinne der Allgemeinheit, bei Überlegungen  von Gesundheitsreformen die Ärzte als die Gesundheits- und Medizin-Experten intensiver in die planenden und entscheidenden Gremien zu integrieren als das bisher geschah?

 

Vorstellbar wäre z.B. in Anlehnung an die Pensionsexpertenrunde eine von der Bundesregierung durchgeführte Einberufung einer von Politik, Kassen- und Kammerwesen unabhängigen medizinischen Expertengruppe. Dieser offiziell ernannte „Weisenrat“ könnte autonom und weisungsfrei im Teamwork mit anderen, unmittelbar mit der Patientenversorgung befassten Gesundheitsprofis (Pflegern, Pharmazeuten, Therapeuten) die notwendigen Veränderungen für ein zukunftssicheres Gesundheitssystem ausarbeiten. Gesundheitsökonomen müssten in einem solchen Team natürlich ebenfalls vertreten sein, Ökonomie ist notwendig und auch kein Widerspruch zu medizinischer Kompetenz und Professionalität.

 

Eine solche Gruppe könnte jedenfalls wesentlich freier und unbelasteter agieren als dies die derzeit aktiven offiziellen „Think-Tanks“ tun, die alle massiv von der Politik, den Kassen, den Körperschaften und den Kammern abhängig und beeinflusst sind und demzufolge immer nur die Partikularinteressen ihrer Lobbies bedienen (müssen).

 

Eine transparent zusammengestellte Experten-Gruppe, die definitiv nicht von den verschiedenen Körperschaften im Gesundheitswesen beschickt wird, würde mit Sicherheit frischen Wind und womöglich überraschende, sicher aber gut argumentierte und konturierte  Verbesserungsvorschläge für das marode System zustande bringen.

 

Die Hofräte Hinsichtl und Rücksichtl hätten in diesem Gremium nämlich nichts verloren, ebenso wenig wie die üblichen beamteten Lobbyisten aller Couleurs. Und das Ergebnis der Expertengespräche kann von Parlament und Regierung zur Planung der zukünftigen Reformen herangezogen werden.   

 

Fazit: Im Sinne der dauerhaften Gewährleistung einer qualitativ hochstehenden medizinischen Versorgung sollten die Ärzte bei jeder Reform die Themenführerschaft übernehmen.

 

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