Europa wird erwachsen

Der legendäre amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman definierte vor 30 Jahren das Erwachsensein als "die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung und zum Aufschub unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung. Erwachsensein ist ein differenziertes Vermögen, begrifflich und logisch zu denken, ein besonderes Interesse sowohl für die historische Kontinuität als auch für die Zukunft, die Wertschätzung von Vernunft und gesellschaftlicher Gliederung zu haben.“

 

Wenn man diese Definition heute als Prüfstein für die sogenannten postmodernen europäischen Gesellschaften benützt, werden ihr wohl längst nicht alle hier lebenden Erwachsenen gerecht. Die Bedingungen Europas, die durch den permanenten Wohlfahrtsmodus und die fortschreitende Industrialisierung und Digitalisierung erzeugt werden, machen echtes Erwachsensein zunehmend schwieriger.  Das gilt sowohl für politische wie für gesellschaftliche Handlungsfelder und erst recht für den privaten Raum.

 

Ein Hauptgrund für diese Entwicklungshemmung ist die durch eine gezielte politische Agenda geförderte Vermehrung der subjektiven Ansprüche der Individuen. Die Einzelnen sollen in eine Masse von Anspruchsberechtigten umgewandelt werden, für die der Staat zuständig ist. Nicht umsonst wird der ultimative Wohlfahrtssaat von seinen Kritikern "The Nanny-State" genannt: Der Staat wird zur daueranwesenden Gouvernante, er ist für die Versorgung und das leibliche wie geistige Wohl zuständig, niemand muss sich mehr selber um etwas kümmern.

 

Anders formuliert: Eine Gesellschaft, in der die Rechte und Ansprüche der Bürger  immer mehr an Bedeutung gewinnen und die Pflichten derselben dafür stetig in den Hintergrund treten, kann sich nur infantilisieren. Eine andere Entwicklung ist unter diesen Vorzeichen gar nicht möglich.

 

Der Anspruch jedes Einzelnen heißt mittlerweile: "Dieses und jenes und eigentlich eh alles steht mir zu." Aus dieser Losung wird am Ende ein permanenter Kampfruf der Massen. Bei jeder Gelegenheit wird skandiert: "Ich habe ein Recht auf...!!"  Das Objekt in diesem Ruf ist beliebig einsetzbar, der Satz funktioniert garantiert mit jedem Begriff.

 

Zu Ende gedacht mutiert die Forderung nach dem "Alles im Hier und Jetzt!" zum Hungergeschrei des Säuglings nach der Milch in der Mutterbrust. Der endgültige infantile Zustand ist erreicht, wenn der Erwachsene die Regression in den Neugeborenen-Status geschafft hat. Ein Säugling hat alle Rechte und genießt jeden Schutz, er hat keine einzige Pflicht und ist ohne jede Verantwortung. Und der Europäer im Wohlfahrtsstaat ist am besten Weg dorthin. 

 

Die von den 68ern begonnene Verdammung von ehemals hochgeschätzten und überlebensnotwendigen Tugenden wie Fleiß, Anstand, Ehrenhaftigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Leistungswille als reaktionäre Attitüden, die die Freiheit des Einzelnen nur einschränken und die Individuen förmlich unterjochen würden, ist noch immer im Gange. Der linksideologisch infiltrierte politmediale Komplex hat dabei die kommunikative Steuerung übernommen und gibt den Bürgern vor, was gut und schlecht ist. Keiner muss mehr selber denken, jeder darf kindisch und dümmlich sein. Man hat sogar auch darauf ein garantiertes Recht.  

 

Ein Kardinalsymptom dieser zielgerichteten Mentalitätsveränderung ist im Bildungssystem zu finden: Niemand soll mehr schlecht bewertet werden, jedem steht es zu, dass er gute Noten bekommt. Zahlen als Noten sind ohnehin schon verpönt, man muss heute die Beurteilung (welch politisch inkorrektes Wort!) in Beschreibungen fassen, die möglichst niemandem wehtun sollen. Die Nivellierung hat im öffentlichen Bildungswesen voll eingesetzt. Alle sind brav und freundlich, alle sind gleich und am besten sollen alle in ihrer Leistung auch gleich schlecht sein. Dafür steht ihnen dann auch alles zu.

 

Ein anderes europäische Symptom ist der Verlust der (Leit-)Kultur und das Verschwinden grundsätzlicher Werte-Ordnungen. Wo keine Verantwortung mehr ist und wo der Staat samt seinen Sozialsystemen und den euphemistisch so genannten, dafür umso mehr staatsabhängigen NGOs unter der immer lächelnden Führung des Establishments die Organisation von allem und jedem übernimmt, kann keine kulturelle Entwicklung mehr stattfinden. Der mickrige Kulturrest wird in die weichgespülte politische Korrektheit verpackt und als "Toleranzpatent" in dieser förmlich verwurstet. Erlaubt ist nur noch, was die institutionalisierten und politverflochtenen Medien gestatten und was linksmoralisch geprägte politische Leitfiguren vorgeben.

 

Und damit sind wir schon bei der politisch vorsätzlich herbeigeführten Migrationskrise angelangt. Diese Krise wurde bereits reichlich durchdiagnostiziert, aber der infantile Aspekt des existenziell bedrohlichen Desasters fand noch keine wirkliche Beachtung: Die "legendären" Willkommens-Szenen auf den Bahnhöfen waren nichts anderes als Manifestationen der beschriebenen fortschreitenden Infantilisierung. In die Migrantenmenge geworfene Teddybären  und Trink-Fläschchen, das völlig unpassende Trara und die artifizielle Jubelstimmung wie auf einer von ehrgeizigen und zwangslustigen Eltern organisierten Kinderparty waren die Symbole dafür. Die oberste deutsche Kindergarten-Chefin ordnete den europäischen Kindern an, die neuen Spielkameraden besonders lieb willkommen zu heißen und flugs taten alle, was die leitende Pädagogin kraft ihrer damals noch unantastbaren Moralhoheit vorgab.

 

Die Nachdenklichen und die Kritischen - also die Erwachsenen - waren zu dieser Zeit noch in der Minderzahl. Wer Neil Postmans Diktum von den Erwachsenen-Kriterien des "vernünftigen Denkens an die Zukunft und an die Gliederung der Gesellschaft" ernstgenommen hatte, galt als böser Bube - und wurde damit folgerichtig einem schlimmen Kind gleichgestellt. Das passte wiederum ins Gesamtkonzept der Infantilisierung. Zahllose, in naiver und kindischer Sozialromantik schwelgende Bürger, die an das Gute im Fremden glaubten und ihr eigenes Gutsein im Bauchladen vor sich hertrugen wie besonders brave Schüler ihre mit Lob gespickten Mitteilungshefte, prägten den öffentlichen Raum. Und dann geschah Köln. 

 

Diese wahrhaftige Zäsur zur Jahreswende rüttelte die Leute wach und plötzlich war der so schön von der Chefin geplante Kindergeburtstag abrupt zu Ende. Erwachsene traten auf den Plan und zeigten, wie hässlich die Realität sein kann. Das inszenierte Drama von Idomeni beendete kurz darauf auch das Kasperltheater in den Medien. Der Brexit versetzte den Infantilisierten dann endgültig einen Schreck bis in die Knochen, viele bibbern davon noch heute. Und die anfänglich bösen Buben und Mädchen, die gar nie bei dieser Show mitspielen wollten und immer schon des Kaisers neue Kleider für ein schöngeredetes Nichts hielten, waren plötzlich die Guten.

 

Seitdem diese damals völlig absurde und von Unreife geprägte Stimmung so gedreht hat, sind auch wieder zentrale Fragen des Erwachsenseins in die öffentliche Debatte gedrungen: Wir dürfen wieder realitätsbezogen über Zukunft, Nationen und Identitäten reden. Es ist erlaubt, über eigene und fremde Grenzen zu debattieren. Wir dürfen fragen, wie es um unsere Selbstbestimmung bestellt ist und wie wir unser Leben in unserer Nation am besten gestalten können, wenn wir es nicht mehr dem heruntergekommenen und immer noch grenzüberschreitend agierendem Establishment überlassen möchten. Es ist gestattet, Nein zu sagen zu all dem pädagogisch verordneten lieben, freundlichen und netten Getue dem Fremden gegenüber.  Und wir dürfen wieder bekennen, dass wir ein nationales Selbstverständnis haben, welches wir uns nicht zerstören lassen wollen.

 

Auch wenn immer noch ein paar unverdrossen und womöglich rettungslos infantilisierte Menschen ihren naiven grenzen- und identitätslosen Fantasien nachhängen - wir dürfen jetzt reifer und vernünftiger sein und unsere Verantwortung wieder selber wahrnehmen. Die Migrationskrise ist also wie jede Krise auch eine Chance: Die Nationen Europas können dadurch nun endlich erwachsen werden.  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Walter (Dienstag, 29 November 2016 11:00)

    Lass dich fallen - ( ins soziale Netz ) - wird in Zukunft nicht mehr so gut funktionieren weil die Zahl der Personen die sich fallen lassen immer groeszer wird und die Personen die das Netz instand halten schon jetzt ueberfordert sind. Wird ein ploetzliches Aufwachen und Aufprallen geben wenn das Netz zerreiszt. Ich glaube nicht das da alle denkfaule Kinderchen ploetzlich erwachsen werden. Am schlimmsten werden die " politischen Netzfueller " dran sein . Die werden warscheinlich von den entzuernten Kinderchen denen sie die Illusion der ewig gefuellten sozialen Wundertuete vorgaukelten haben um ihr Leben rennen muessen.