So geht Bürokratie-Abbau...

Multiprofessionelle und interdisziplinäre Primärversorgungseinheiten, Rahmen-Gesundheitsziele, ergebnisorientierte Steuerungsziele und wirkungsorientierte Gesundheitsziele, Finanzzielsteuerungsvereinbarungen, Vereinbarungsumsetzungsgesetz, Gesundheitsversorgungsstruktur, Bundeszielsteuerungskommission, ständiger Koordinierungsausschuss, Monitoring der Gesundheitsförderungsstrategie, Bundesgesundheitskommission, Landes-Zielsteuerungsübereinkommen, Bundesjahresarbeitsprogramm, integrative Versorgungsplanung, Best Point of Service, interdisziplinäre Versorgungsmodelle, Patientenorientierung und Transparenzmachung  von Qualitätsinformationen, Steuerungsbereich Ergebnisorientierung, Weiterentwicklung der Kompetenzprofile im Hinblick auf die Aufgabenteilung, Optimierung der intersektoralen Behandlungsprozesse, usw. usw....

 

Nein, das ist keine Ironie auf unser gesundheitspolitisches Beamtendeutsch. Das ist die Realität. Dieser Word-Rap voller sperriger begrifflicher Ungetüme ist nur ein kurzer Auszug aus der Regierungsvorlage zu einem neuen Bundesgesetz, mit dem das österreichische Gesundheitssystem in zumindest einigen Bereichen spürbar verändert werden soll. Eine neue Reform steht wieder einmal vor der Tür und das zentrale Zauberwort des nächste Woche im Nationalrat zur Beschlussfassung vorzulegenden Gesetzes ist das vieldiskutierte Primary Health Care Center (PHC), in dem die große Zahl von Problemen, die es im System gibt, endlich gelöst werden soll. Die Reform erfolgt natürlich nur im Sinne des Patienten - pardon, ausschließlich "patientenorientiert", so heisst das korrekte Wort dafür.

 

Das Schlagwort namens "Patientenorientierung" und diverse Hinweise darauf gibt es übrigens mehrmals in diesem knochentrockenen Textkonvolut - als ob ein Gesundheitswesen auch für jemanden anderen als die Patienten gemacht werden könnte und man daher die Patientenorientierung extra betonen müsste. Aber als Gesetzestext-Schreiber muss man es sich wohl angesichts der vielen bürokratischen Neuschöpfungen und der teils schauerlichen Begriffskreationen immer wieder in Erinnerung rufen: Das Gesundheitssystem ist für die Patienten da und leider nicht für die Bürokraten selber. Obwohl, ganz sicher kann man da nie sein...

 

Im Ernst: Es stellt sich angesichts des Gesetzestextes gleich die Frage, ob das mit dem seit langem angekündigten und allseits geforderten Bürokratieabbau im Gesundheitswesen jemals ernst gemeint war. Ist ein solcher Bürokratie-Abbau in der Gedankenwelt jener vieler Berufs-Bürokraten, die im System vor sich hin werken,  überhaupt vorstellbar? Die einfache Antwort lautet: Nein. Denn wo Bürokratie ist, soll noch mehr Bürokratie werden. Das ist das einfache und ungeschriebene Gesetz von ausdifferenzierten hochkomplexen Bürokratie-Systemen am beginnenden Ende ihrer Lebensdauer. Kein bürokratisches System der Welt wird sich selber reduzieren - schon gar nicht, wenn es einmal so weit verästelt ist ist wie das unsrige. Die fortgesetzte Aufblähung des Apparates ist so unumstößlich wie ein Naturgesetz. 

 

Das österreichische Gesundheitssystem ist ein veritabler Moloch, an dem Beamte, Hauptverbandspräsidenten, Kassenobleute, externe Berater und natürlich Politiker sonder Zahl in Kommissionen und Gremien immer und immer wieder herumdoktern, um am Ende eine kapitale Verschlimmbesserung zustande zu bringen, die dem Zwangsbeitragszahler als Reform und oft sogar als die Reform schlechthin verkauft wird. Weil aber die Zeiten schlechter werden und alles teurer wird, gibt es nach der Reform stets die schlechtere Leistung zum höheren Preis und es gibt die Verschärfung der ohnehin als ewige Prämisse über allem stehende Spar-Doktrin. Der Leitspruch lautet: Immer weniger für immer mehr. Die Rationierung gewinnt an Gestalt.

 

Was aber auf jeden Fall und immer zunimmt, ist die Bürokratie. Der Patient steht zwar im Mittelpunkt aller Bemühungen, dort steht er aber wie nach wie vor jedem und allem im Weg - besonders der Bürokratie. Und die Hauptakteure im Gesundheitssystem, die Ärzte, lässt man sowieso am wenigsten bei den jeweiligen Reformen mitreden. Deren Rufe und Vorschläge, die direkt aus der Erfahrung und der Praxis kommen, verhallen fast immer ungehört in den Gängen der Bürokratie-Paläste. Das hat schon etwas Kafkaeskes.

 

Die Ärzte sind zwar die bestausgebildeten Experten mit der höchsten Verantwortung, aber weil es ein bürokratisches System ist, müssen sich die medizinischen Fachleute immer an der Bürokratie orientieren und dürfen sich dort als Kostenfaktoren in der Buchhaltung wiederfinden. Dasselbe gilt natürlich auch für alle anderen Gesundheitsberufe: Die Praxis und die Erfahrung aus dem wirklichen Leben zählen nicht. Wichtig ist nur, was im Computer steht, was in der Leitlinie und im Standard festgeschrieben ist und was von Kostenstellen, Controllern und vom Qualitätsmanagement geprüft werden kann. Die reale Zeit, welche die verschiedenen Gesundheitsberufe mit und bei den Patienten verbringen müssen und wollen, ist zu einem notwendigen Übel geworden. Am liebsten würden die Bürokraten dieselbe wegrationalisieren - am besten per Verordnung.

 

Und je lauter der Ruf nach dem Abbau der Bürokratie wird und je expliziter die politischen Versprechen werden, dass diese Reduktion natürlich ein Hauptziel jeder Reform sei, desto sicherer kann man sein, dass der Abbau nicht stattfindet, sondern eben das genaue Gegenteil. Diese Behauptung ist leicht ist zu beweisen: Wäre es anders, hätte ich nämlich den ersten Absatz dieses Textes gar nicht schreiben können.

 

 

 

 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Peter Hutter (Dienstag, 06 Dezember 2016 09:14)

    Wo liegt der eigentliche Skandal? Hier: " Die reale Zeit, welche die verschiedenen Gesundheitsberufe mit und bei den Patienten verbringen müssen und wollen, ist zu einem notwendigen Übel geworden. Am liebsten würden die Bürokraten dieselbe wegrationalisieren - am besten per Verordnung."
    Meine Tochter ist Ärztin in einem bayerischen Krankenhaus. Genau darüber klagt sie. Ihre Einschätzung: ca. 30% der Zeit pro Patient für den Kranken, 70% für die Bürokratie.
    Q: Und wo sitzt der Urheber allen Übels?
    A: in der Verrechtlichung jedes Handgriffs

  • #2

    Fred (Dienstag, 06 Dezember 2016 15:19)

    Danke für den Beitrag. Ja, Sie werden recht behalten!
    Warum sollte es hier anders sein als bei der kürzlich durchgeführten "Reform" der Gewerbeordnung?
    Wenn man sich über solche Themen mit Betroffenen unterhält, ist eigentlich schon jede/r angefressen.
    Man fragt sich wie lange das noch durchgehalten werden kann.