Die Nazi-Keule und die linke Geschichtsverfälschung

Die Einteilung der politischen Haltungen in „Rechts“ und „Links“ stammt aus der postrevolutionären Sitzordnung in der französischen Nationalversammlung von 1789. Links saßen die Revolutionäre und deren Epigonen, die an die neuen Ideale wie kollektive Gleichheit und Brüderlichkeit glaubten. Rechts waren die Konservativen und Bürgerlichen platziert. Die beiden Bezeichnungen haben sich bis heute im Wesentlichen erhalten: Links ist alles, was den aus der französischen Revolution hervorgehenden sozialistischen Idealen entspricht. Mit Rechts ist nach wie vor konservativ, bürgerlich und wirtschaftsliberal gemeint.

 

Wenn man heute über die politischen Begriffe Links und Rechts nachdenkt, muss man der Geschichte und ihren Fakten Rechnung tragen. Und in allen Überlegungen zu Links und Rechts stößt man natürlich unweigerlich auf den Nationalsozialismus. Seltsamerweise wird allgemein davon ausgegangen, dass die Nazis  extreme Rechte waren.

Diese Diagnose ist jedoch mehr als zweifelhaft, weil sie bei näherer Betrachtung nicht in die oben zitierte Einteilung passt und auch sachlich unrichtig ist. Die Begründung für diese falsche und trotzdem mit Eifer verbreitete Diagnose ist leicht zu durchschauen: Sie wurde als Mythos kreiert, um zu verhindern, dass der „gute“ Sozialismus in die Nähe der verdammungswürdigen Nazi-Ideologie gerückt wird.

Auch wenn schon in der Bezeichnung National-Sozialistische Deutsche Arbeiter-Partei (NSDAP) der Sozialismus explizit vorkommt, wird trotzdem alles versucht, die rechte Punzierung der Nazis aufrecht zu erhalten und den sozialistischen Charakter des Nazismus entsprechend umzudeuten. Man rekurriert dabei auf den Rassismus und vor allem auf  den Anti-Semitismus, welche unbestritten die Erkennbarkeit der sozialistischen Grundideen im Nazi-Gedankengut auf den ersten Blick erschweren.

Namhafte deutsche Historiker wie Joachim Fest oder Götz Aly kritisierten immer wieder, dass die Perzeption des Nazismus als rechtsextreme Strömung eine falsche sei. Die NSDAP war laut ihrer Meinung vielmehr eine klar sozialistische Partei, die  den Nationalismus und vor allem den Rassismus untrennbar mit den frühsozialistischen und marxistischen Ideen vermengte. Der Unterschied zu den klassischen sozialistischen und marxistischen Parteien liegt laut diesen Autoren vor allem darin, dass die einen Sozialisten den Internationalismus forcierten und die anderen den Nationalismus und das völkische Ideal.

Die großen österreichischen Nationalökonomen Friedrich von Hayek und Ludwig von Mises, beides Zeitzeugen, wiesen nach, dass der Kollektivismus ein wesentliches Merkmal der Nazi-Ideologie war und die NSDAP den Individualismus massiv bekämpfte. Vor allem das Fehlen eines starken deutschen Bürgertums (also das Fehlen rechter Kräfte!) hat Hitler zur Macht verholfen. Nach Hayek waren übrigens die Proto-Sozialisten Lassalle und Fichte nicht nur die Väter des Sozialismus, sondern auch Urahnen des Nazi-Unwesens.

Der angesehene deutsche Historiker Friedrich Meinecke schrieb bereits 1946: „Die große in der Luft liegende Idee, die Verschmelzung der nationalen und der sozialistischen Bewegung, fand in Hitler ohne Frage ihren brünstigsten Verkünder und den entschlossensten Exekutor“. Hitlers Reichsmarschall Hermann Göring berichtete in den Nürnberger Prozessen: „Bereits 1922 war klar gewesen, dass Hitler die Ideen des Sozialismus, des Marxismus  und des Nationalismus zusammenführen würde“.

Der weltberühmte Historiker Joachim Fest schrieb 2003 in der explizit linken Zeitung TAZ: „Als im Frühjahr 1933 ganze kommunistische Kampfformationen geschlossen in die SA übertraten, wurde das von den roten Parteisoldaten keineswegs als Bruch empfunden, und der Berliner Volkswitz, der diese Einheiten als „Buletten-Stürme“ verhöhnte („außen braun, innen rot“) deckt auf, wie nahe beieinander auch die Öffentlichkeit die einen und die anderen wahrnahm. Man wechselte sozusagen nur den Anführer und die Fahne, nicht einmal die Stammkneipe. Im Herzen blieb man Sozialist, nur dass man von nun an auch noch national sein durfte, kein „Vaterlandsverräter“ der Komintern. Wer da nicht zum Mitmachen bereit gewesen wäre!“

Die damalige Ähnlichkeit der roten und der braunen Bewegung kommt hier ganz deutlich zum Vorschein und macht auch verständlich, warum sich heutige Linke so heftig und fallweise wütend vom Nationalsozialismus distanzieren: Diese Zeit ist eben kein Ruhmesblatt in der Geschichte der roten Bewegungen. Die Nazi-Keule wurde genau deswegen in die politische Debatte eingeführt, um vom eigenen Schmuddel-Kapitel abzulenken und die nachweisliche rote Erbschuld dem politischen Gegner umzuhängen. 

Doch lassen wir Joachim Fest weiterreden: „Noch viele weitere Gemeinsamkeiten zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus lassen sich anführen, auch tiefer reichende. Wie häufig haben gerade die unversöhnlichsten Rivalen auf politischem Feld immer etwas von feindlichen Zwillingen. Auch in diesem Falle verhielt es sich so. Beide Epochengegner, die sich so erbittert bekämpften, träumten den Traum vom Neuen Menschen, der mit ihnen erst die Möglichkeit erlange, sich auf Erden zu verwirklichen. Beide machten sich, wenn auch mit scheinbar gegensätzlichen Parolen, auf die Suche nach dem verlorenen Paradies. Und beide hassten mehr als alles andere die bürgerliche Welt.“

Dazu passend schrieb der englische Historiker George Watson im Independent: „Hitler was an unorthodox Marxist. It is now clear beyond all reasonable doubt that Hitler and his associates believed they were socialists, and that others, including democratic socialists, thought so too. The title of National Socialism was not hypocritical.“

 

Viele Historiker weisen auch auf die Tatsache hin, dass in den Urformen des Sozialismus die Eugenik eine große Rolle spielte und somit auch rassenideologische Überschneidungen zum Nationalsozialismus vorhanden waren. Die Idee von der Schaffung des Neuen Menschen enthielt auch im Ur-Sozialismus durchaus konkrete Vorschläge zur Vernichtung „unwerten Lebens“.

Der österreichische Geschichtswissenschaftler Herwig Czech arbeitete als einer der wenigen Historiker die dunkle Flecken der heimischen Sozialdemokratie (die früher - weniger getarnt - noch Sozialismus hieß)  gründlich auf und zitiert in der Zeitschrift Zukunft einen in den 30er Jahren führenden österreichischen Sozialisten, nämlich Julius Tandler: „Das gesamte Bestreben der Eugenik kann nur auf zwei Momente hinauslaufen: die Gesunden, die voll Beanspruchbaren in der Fortpflanzung zu begünstigen, die Minderwertigen von ihr auszuschließen.“ Der Arzt Julius Tandler, nach dem in Wien noch immer ein großer Platz benannt ist,  war auch der Meinung, dass man behinderte Neugeborene nach der Geburt töten und man „Minusvarianten des Menschen“ aus rassenhygienischen Gründen nicht unterstützen sollte.

 

Wenn also die links eingestellten antifaschistischen Kämpfer heute immer eifrig den „Kampf gegen Rechts“ propagieren und damit die Nazis und Neonazis meinen, so unterliegen sie einem grotesken Irrtum. Wenn sie schon kämpfen möchten, dann sollten sie zuerst Geschichte lernen. Wenn sie die Geschichte aber kennen, dann muss man ihnen vorwerfen, dass sie mit dem ständigen Gebrauch der Nazi-Keule und ihrer endlosen Anti-Rechts-Propaganda nachweislich Schindluder mit ihrer eigenen Geschichte treiben.

Und dann wird klar, dass es den Linken nicht um die Wahrheit, sondern vor allem darum geht, die Bürgerlichen, Wertkonservativen und Wirtschaftsliberalen mit Dreck zu bewerfen und deren Ruf zu schädigen - offenbar, weil sie sonst keine Argumente gegen die rechte Weltanschauung mehr haben.

 

Anmerkung: Mein hier leicht adaptierter Originaltext erschien bereits im Februar 2015 bei ortneronline.at  - aufgrund der heftigen und wie immer nicht auf Wahrheiten beruhenden Anti-Rechts-Propaganda im gerade abgelaufenen Präsidentschafts-Wahlkampf erschien mir eine Neu-Publikation dringend notwendig.

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Anton (Sonntag, 11 Dezember 2016 19:58)

    Goebbels hats (ich glaub, in seinem Tagebuch) sogar ganz explizit gesagt:
    "Der Idee der NSDAP folgend sind wir deutsche Linke... Nichts ist uns verhasster alls der rechtsstehendende nationale Besitzbürgerblock."

  • #2

    Soso (Montag, 12 Dezember 2016 00:04)

    <<die NSDAP den Individualismus massiv bekämpfte>>

    Als ob die Konservativen die individuelle Freiheit wirklich schätzen würden. Der Konservative ist eher prohibitionär, ist gegen Hedonismus, Selbstverwirklichung und Drogenkonsum, gegen Homosexualität und emanzipierte Frauen. Was der Konservative nicht mag, haben die anderen gefälligst auch nicht zu mögen. So sieht es aus. Als Liberaler mag ich den Konservatismus absolut nicht, ist er doch im Kern paternalistisch, hierarchisch und fasst nicht selten auf religiösen Dogmen. Ne danke.
    Jeder soll so leben, wie er es möchte, solange er niemandem Schaden zufügt.

  • #3

    Soso (Montag, 12 Dezember 2016 00:07)

    "fasst nicht selten"

    Fusst!

    Miese Autokorrektur