Ärzte-Bashing als politische Methode

Der Arztberuf ist jener mit der höchsten Reputation, das sagen so ziemlich alle soziologischen Umfragen und Meinungsforscher. Irgendwie logisch, denn auf den Ärzten lastet eine enorme Verantwortung und jeder Mensch ist froh, wenn er im Falle des Falles einen guten Arzt hat, der seine Profession beherrscht.

 

Entgegen einer heute vielfach transportierten Attitüde, die den Arzt zu einem  medizinischen Dienstleister und Erfüllungsgehilfen reduzieren will, ist jeder Arzt auch auf seine eigenen charakterlichen und emotionalen Eigenschaften angewiesen. Er kann seinen Beruf nicht nach schematischen Vorgaben ausüben und nur stur nach Leitlinien handeln. Deswegen ist vom Gesetzgeber auch vorgesehen, dass jeder Arzt frei ist in seiner individuellen Diagnose- und Behandlungsentscheidung. Die Freiheit muss sich aber natürlich stets nach den Regeln der ärztlichen Kunst richten. So will es das Gesetz seit jeher.

 

Die therapeutische Freiheit ist die Essenz des Arztseins

Diese Regeln und Empfehlungen können sich je nach dem Stand der Wissenschaft immer wieder ändern, trotzdem darf und soll sich der Arzt in der "therapeutischen Freiheit" bewegen. Ohne diese berufsspezifische Freiheit wäre eine individuelle, am Einzelnen ausgerichtete und persönliche Medizin gar nicht möglich. Medizinische Methoden würden zu einem schematischen, unpersönlichen und standardisierten Procedere verkommen, das technokratisch und kalt am Patienten ausgeübt würde.

 

Ohne Heilkunst geht es nicht

Auch der Begriff der Heilkunst gehört zu einem guten Arztsein, ja er macht sogar das Wesen dieses Berufes aus. Obwohl die "Kunst des Arztes" von vielen modernistischen Denkern in Frage gestellt und durchaus sogar als Unfug abgewertet wird, ist sie ganz wesentlich, denn unter Kunst meint man hier nicht irgendwelche medizinische Scharlatanerien, sondern eben die Fähigkeiten des Arztes, die sich aus Empathie, Wissen, Können, Erfahrung, Gespür, Emotion und persönlicher Einstellung zusammensetzen.

 

Juristen sehen das ähnlich. Von Richtern und Anwälten wird in Streitfällen immer untersucht, ob der betreffende Arzt seine (Be-)Handlungen "lege artis" (also nach den Regeln der Heilkunst) ausgeübt hat. Ist das der Fall, so wird man dem betreffenden Arzt kaum schuldhaftes Verhalten nachweisen können.Damit sind wir wieder bei der Verantwortungsfrage: Gute Ärzte kann es nur geben, wenn sie einerseits selber ihre hier genannten Voraussetzungen mitbringen und andererseits ein Umfeld vorfinden, wo das auch geschätzt und gefördert wird.

 

Die Ärzte sind die Bösen

Derzeit hat sich die österreichische Gesundheitspolitik anders entschieden. Egal, ob im föderalen Bereich oder in der Bundespolitik, die Ärzte sind zu den Sündenböcken einer misslingenden Umgestaltung des Systems geworden. Sie werden als Blockierer, geldgierig, stur und als nur an den eigenen Interessen orientiert  dargestellt und man versucht, die Gesundheitsreform möglichst ohne Einbeziehung der Ärzteschaft durchzuziehen. Das Ärzte-Bashing hat System.

 

Deswegen haben in Wien und einigen Bundesländern gestern, am 14.12. 2016, auch hunderte Ärzte gestreikt. Besonders die Hausärzte geraten durch die geplanten Änderungen im System massiv unter Druck, man spricht sogar von der "Ausrottung des Hausarztes": Sogenannte interdisziplinäre Zentren sollen sukzessive den Hausarzt ersetzen. Die Politik ruderte angesichts des gestrigen Streiks und der geharnischten Argumenationsfront bereits zurück und versprach neue Verhandlungen, obwohl ein teil des Pakets im Nationalrat bereits beschlossen wurde (ebenfalls gestern).

 

Bewährte Tradition statt Gleichmacherei

Man wird sehr wachsam sein und den Berufsstand verteidigen müssen, denn im Hintergrund geht der Plan zur nachhaltigen Transformation des Arztberufes unverändert weiter. Die Ärzte in ihrer klassischen und bewährten Erscheinungsform als Freie Berufe und Verantwortungsträger sfür ihre Patienten sollen abgeschafft und durch aus Pflegern, Sozialarbeitern und Ärzten zusammengesetzte und möglichst auf der berühmt-berüchtigten Augenhöhe agierende Teams ersetzt werden, die sich dann abwechselnd um die Patienten kümmern sollen. Dass das nicht gut gehen kann, weiss jeder, der einen guten Arzt kennt, einen solchen hat oder gerade braucht. Patienten benötigen eine vertrauensvolle Atmosphäre, persönliche ärztliche Betreuung und Kontinuität - speziell, wenn sie chronisch oder schwer erkrankt sind.

 

Sinnvolles Agieren statt ideologisch drüberfahren

Freilich kann es in bestimmten Regionen sinnvoll sein, interdisziplinäre Zentren zu haben, aber man sollte die Art, ob und wie sich Ärzte zu Gruppenpraxen oder Gemeinschaftsordinationen zusammenschließen, nicht stur per Bescheid vorgeben. Das muss man den Ärzten selber überlassen. Regionale Planungen und Empfehlungen soll es geben, aber man kann nicht zentralistisch festlegen, wer wo wie wann tätig sein soll und dazu gesetzliche Normen vorgeben. Das sind überkommenen Methoden, die bis 1989 im Osten auch nicht funktioniert haben. Ärzte müssen ein freier Beruf bleiben - das ist nämlich die Grundvoraussetzung für eine gute Medizin.

 

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Kommentare: 3
  • #1

    michael collins (Donnerstag, 15 Dezember 2016 09:02)

    Sehr geehrter Dr. Franz

    Ich würde mir wünschen, dass Sie auf einige hier geposteten Kommentare antworten. Wäre das nicht eine sinnvolle Ergänzung zu Ihren Themen?

    Zum Thema: ich habe jahrzehntelang im Pflegeberuf gearbeitet und eine große Menge an Ärzten kennengelernt. Die Menge resultiert aus vielen vielen Turnusärzten. Einige waren engagiert, einige, aber wenige eher durchschnittlich, einige furchtbar. Bei denen hat unser Pflegeteam öfter geseufzt: lieber Gott, lass sie Pathologen werden.

    Was spricht dagegen, dass Ärzte, Pflegepersonal und Therapeuten nicht zusammenarbeiten und das auf Augenhöhe? Auf meiner Station war das üblich, denn das müssen Sie zugeben, das Pflegepersonal hat wesentlich mehr Zeit mit den Patienten verbracht und ihnen mehr erzählt als den Ärzten während der Erstellung der Anamnese oder während Visiten. Kluge Ärzte haben sich immer mit Schwestern und Pflegern beraten und sie um Auskunft gefragt.

    Denn schließlich geht es doch allen Berufsgruppen oder solle es zumindest gehen:

    um das Wohl des Patienten.

    Ich habe und meine Kollegen ebenso haben mit den ständigen auf der Station tätigen Ärzten, sei es Oberarzt, Assistenzarzt oder Turnusarzt in der Zusammenarbeit fast immer gute Erfahrungen gemacht.

    Daher plädiere ich, entgegen Ihrer Meinung sehr wohl für eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe, jeder in seinem Fachgebiet, aber zusammenwirkend zum Wohl des Patienten.

  • #2

    helmut-1 (Donnerstag, 15 Dezember 2016 22:33)

    Trotz allem Verständnis für die Situation in der Medizin heute, da ist doch viel Blauäugigkeit bei manchen Textstellen.
    Werde das Ganze mal etwas überzeichnen, damit man auch weiß, was ich meine:
    "Der Arztberuf ist jener mit der höchsten Reputation,.."
    Das war mal. Der Halbgott in Weiß hat schon lange nicht mehr die Bedeutung wie früher. Es gibt sogar den hämischen Spruch: Hättest Du was Gescheites gelernt, dann wärst Du kein Arzt geworden.
    Sofort gehts aber mit einer klaren Aussage weiter:
    " ...jeder Mensch ist froh, wenn er im Falle des Falles einen guten Arzt hat, der seine Profession beherrscht."
    Das dürfte wohl jedem klar sein.
    "....ist jeder Arzt auch auf seine eigenen charakterlichen und emotionalen Eigenschaften angewiesen..."
    Wo sollen die denn herkommen? Wird ein Arzt darauf geprüft, bevor er sein Studium beginnt? Sollen die von den Strebern mit den Ellbogen links und rechts kommen, die das Wort "Kameradschaft" gar nicht kennen , und nur das Ziel im Auge haben, den numerus clausus auf ihre Seite zu ziehen?

    Vieles ist schon lange nicht mehr, wie es sein soll. Aber anstatt das zu analysieren, erfindet man den Rösselsprung und schiebt permanent die Schuld auf die anderen,

  • #3

    energy007 (Sonntag, 18 Dezember 2016 00:35)

    Was bringt den Arzt um sein täglich Brot?

    Immer noch die Gesundheit und der Tod. Da hat sich nichts geändert.
    Auch im Gesundheitswesen muss der Umsatz wie in der gesamten Wirtschaft quasi „krebsartig“ stetig wachsen, sowohl bei den Ärzten und beim Personal als auch in der Pharmaindustrie. Man wird wohl reagieren müssen, wenn bereits hohe Versicherungsleistungen nicht mehr ausreichen werden, um große Bereiche des Gesundheitswesens vor Insolvenzen zu bewahren.
    Das Wachstum müsste auch weitergehen, wenn ALLE bereits Diabetiker wären.