Am Ende des Ganges

 

Am Ende des Ganges regiert das Siechtum. Nein, hier ist nicht die Rede von Indiens größtem Fluss, sondern von Österreich und einem seiner wirklich bedrückenden gesundheitspolitischen Probleme - nämlich von den Gangbetten. Und endlich hat sich ein Medium dieses Problems angenommen und die Problematik auf die Titelseite gebracht, die anderen Medien ( z.B. die Kronenzeitung ) folgen soeben nach.

 

Die ungeliebten Notbetten in den öffentlichen Spitälern schafften in der Tageszeitung "Die Presse" (4.1. 2017) den Sprung in die Schlagzeilen und dem Thema wurden ausführliche Berichte und Kommentare gewidmet. Die forcierte mediale Thematisierung ist offenbar notwendig und längst überfällig, denn die Gesundheitspolitik ist bisher nicht fähig gewesen, die menschenunwürdige Gangbetten-Situation zu entschärfen.

 

Seit Jahren keine Lösung

Keine der vielen Gesundheitsreformen und keine der immer neuen sogenannten Management-Tools, keiner der heute überall tätigen und hochtrabend als Qualitätsmanager bezeichneten eingesetzten Bürokraten und keine der gerade so modernen Standardisierungen hat hier einen nachhaltige Besserung bewirkt. Dabei wäre es relativ einfach: Der tagesklinische Bereich ist auszubauen und die ambulante Versorgung (inklusive Hausbesuche) muss besser dotiert werden, dann kann man mehr Patienten im niedergelassenen Bereich betreuen.

 

Wir vergrößern zwar ständig den Wasserkopf namens Verwaltung, aber an der Frontlinie im Kampf für die Gesundheit wird das Personal reduziert und das Know-How abgebaut. EDV, Controlling und Kostenrechnung sollen den am Patienten tätigen Menschen sukzessive ersetzen. Ein PC ist billiger als eine Pflegekraft oder ein Arzt. Die reale Situation wird also in Wirklichkeit noch schlimmer werden, wenn wir die Lage nicht von Grund auf ändern.

 

Wo sind die Patientenanwälte?

Auch die gesundheitspolitisch und medial immer sehr aktiven und gerne gegen die Ärzteschaft auftretenden Patientenanwälte sind beim Thema "Gangbetten" erstaunlich schweigsam und ideenlos. Sie haben noch nie wirkliche Taten gesetzt, um im Sinne der Patienten eine Besserung dieser ganz einfach nur erbärmlichen Situation zu erzielen. Die Wiener Patientenanwältin Pilz nennt aktuell die mangelnde Urlaubskoordination der Ärzte als Ursache für die Bettenmisere und versucht damit wieder einmal, den Schwarzen Peter der Ärzteschaft zu unterschieben. Ein eher dürftiges Statement und vor allem inhaltlich nicht wahr.

 

Wie in den Siechenhäusern des Mittelalters

Im Gangbett zu liegen ist so ungefähr das allerletzte, was man als im Spital aufgenommener Patient möchte. Und doch ist es immer noch "Standard" - vor allem im Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV). Bezeichnenderweise gibt es seitens des KAV keine offiziellen Zahlen darüber, es wird geschwiegen. Und nicht genug mit der Tatsache, dass es diese Betten alltäglich und fast überall gibt: In den Gangbetten liegen nur allzu oft schwerstkranke und immobile Menschen, Alte, Sieche und Moribunde. Und in diesen Betten wird auch gestorben - coram publico und  doch völlig einsam und verlassen. Eine obszöne und hässliche Situation, die an die Siechenhäuser des Mittelalters erinnert.

 

Die Gangbetten sind Normalität

Als lange in öffentlichen Krankenhäusern in Wien und Niederösterreich tätiger Spitalsarzt habe ich die Gangbetten nie als einen Ausnahmezustand zu Epidemiezeiten erlebt, sondern immer als eine alltägliche und ganzjährige Normalität. Wie am Verschubbahnhof steht da ein Bett hinter dem anderen und drin liegen zwar medizinisch behandelte und von der Pflege betreute Menschen, aber keiner der Kranken hat Privatsphäre oder Ruhe, jede Aktion ist quasi öffentlich - bis hin zum Verrichten der Notdurft auf der Leibschüssel.   

 

Und ständig wird die Menschlichkeit bemüht

Der Bericht in der "Presse" kommt gerade richtig: Wir reden in Zeiten wie diesen unentwegt von der Menschlichkeit, wir sprechen pausenlos von unseren humanitären Verpflichtungen und der Menschenwürde und ihrem Schutz. Schlagen wir doch einen Bogen und erinnern wir uns zurück an den Beginn der Migrationskrise: Da herrschte große Aufregung über die angeblich so schlimmen und unwürdigen Zustände im Flüchtlingslager Traiskirchen, wo wegen der Überfüllung des Lagers kurzfristig junge, gesunde Leute bei sommerlichen Temperaturen im Freien nächtigen mussten. Von humanitär nicht akzeptablen Zuständen wurde damals schwadroniert und wie unzumutbar die Situation für die Migranten gewesen sei.

 

Amnesty berichtete über "katastrophale Zustände"

Die NGO Amnesty International führte damals eine "Begehung" des Lagers durch, stellte "katastrophale Zustände" fest und ortete sogar Menschenrechtsverletzungen, weil es keine klar ausgewiesenen getrennten Duschen für Männer und Frauen gab und weil wegen der damals gerade herrschenden Hitzewelle die jungen Migranten "Zuflucht im Schatten" suchen mussten - so wie übrigens jeder andere Mensch in Österreich auch, der sich im Freien aufhielt. Die weitere Lektüre und Interpretation dieses tendenziösen Amnesty-Berichtes sei dem Leser selber überlassen.

 

Die Nöte am Gang sind größer

Richten wir jetzt den Blick eingedenk dieser damals behaupteten Nöte und der wie die Mutter aller Menschheitsdramen dargestellten Traiskirchener Situation wieder auf die öffentlichen Spitäler. Stellen wir uns vor, wie es für einen schwerkranken oder gar moribunden  Patienten sein muss, tagelang am Gang zu liegen und jeder Intimsphäre und Privatheit beraubt zu sein. Und fragen wir uns, warum noch niemand der sonst so aktiven Menschenrechtsschützer den üblichen Aufschrei der Empörung ob dieser Situation erschallen hat lassen.

 

Ein Desaster, das keines war

Als politisch aktiver Arzt, der oft genug in diversen Debatten auf die für die Kranken untragbaren Zustände hingewiesen hat, war ich schon 2015 mehr als verwundert, wie man den Beginn der Migrationskrise, bei der zigtausende Leute gut versorgt und in Sicherheit betreut wurden, zum humanitären Desaster hochstilisieren konnte - wenn man doch gleichzeitig die beschriebenen Zustände in unseren Spitälern zu bessern hätte, die wirklich und wahrhaftig die Menschenwürde gefährden und die humanitär definitiv nicht zu rechtfertigen sind. 

 

Wie man Situationen instrumentalisiert

Es war und ist erstaunlich, wie man eine kurzfristigen Notlösung wie Traiskirchen 2015 politisch ausschlachten kann und wie damals gewisse Situationen, die nicht komfortabel waren, aber sicher keinen humanitären Notfall darstellten, für ideologische Zwecke missbraucht wurden. Erstaunlich ist auch, dass die Lobby der Migrations-Profiteure unter ständiger Berufung auf die Menschlichkeit ihre Ziele unter Akklamation der immer gleichen Leute weiterhin verfolgen kann und darf. Und erschütternd ist, wie wenig man sich in Österreich offensichtlich um die realen und echten humanitären Missstände kümmert, die nachweislich schon viele Jahre bestehen.

 

Wir dürfen gespannt sein, ob das medial nun gewichtig in die Debatte eingebrachte Thema "Gangbetten" die Öffentlichkeit ordentlich aufrüttelt und sich die Verantwortlichen endlich um eine Lösung bemühen oder ob es nur bei kurzfristigen Schlagzeilen bleibt.

 

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Kommentare: 4
  • #1

    michael collins (Donnerstag, 05 Januar 2017 08:53)

    Als Pflegekraft, die jahrzehntelang im Spital tätig war, bestätige ich, was Dr. Franz schreibt.

    Aber: erst als wir einen neuen Abteilungsvorstand bekommen haben, rot im Gemeindespital, was sonst, war die Situation ausgeufert.

    Nicht nur, dass wir mit dem gleichen, unaufgestockten Personal Intensivbetten zu betreuen hatten, es hat auch in jedem Nachtdienst mindestens drei Gangbetten durch Aufnahme gegeben.

    Und: dass Herr Primar am Freitag die halbe Station entlassen hat, ich meine damit Patienten, die anscheinden oh Wunder keinerlei Betreuung mehr gebraucht haben und das Personal dann zum ohnehin sehr arbeitsintensiven Normalbetrieb bis zusätzlich die Neuzugänge zu betreuen gehabt haben, das war Herrn Primar egal.

    Wir haben gebeten, einen Patientenlifter anzuschaffen.

    Abgelehnt. Lieber ein drittes Mikroskop gekauft.

    Vielleicht war das eine Ausnahme. Wir haben nur dank unseres guten Teamgeistes diese Arbeit bewältigen können.

    Herrn Primar war das Pflegepersonal sowas von egal. Er war sehr sehr enttäuscht, dass er keine ausschließlich junge Schwestern gehabt hat, sein Ruf aus einem anderen Bundesland ist ihm vorausgeeilt.

    Dr. Franz, ich glaube, Sie wissen, wen ich meine.

  • #2

    michael collins (Donnerstag, 05 Januar 2017 08:55)

    PS: ein einziges Mal ist die Devise ausgegeben worden: keine Gangbetten. Als sich in Jahrzehnten EINMAL der damalige Gesundheitsstadtrat zum Besuch angesagt hat. Heuchelei pur.

  • #3

    helmut-1 (Donnerstag, 05 Januar 2017 12:12)

    Ehrlich gesagt, davon wußte ich nichts. Dass Schwerkranke in Betten auf dem Gang liegen müssen, - das kennt man nicht einmal in Rumänien. Da kanns natürlich passieren, weil kein Bett frei ist, dass man da für eine vorgesehene Behandlung/Operation noch vom einen auf den anderen Tag verschoben wird, weil kein Bett frei ist, aber auf den Gang kommt keiner.

    Bei Notfällen, die durch den Ambulanzwagen reinkommen, kanns auch schon passieren, dass der Patient nachdem Erst-Check in der Notaufnahme in einer der Kabinen dort länger liegenbleiben muss, bis man irgendwo ein Bett auf der Station frei bekommen hat. Aber ich hab keinen Patienten in Rumänien jemals auf dem Gang gesehen, - und ich war oft genug (als Gesunder - Gottseidank, aber auch mal nach einem Unfall) in diversen Krankenhäusern. Dabei ist das Gesundheitssystem in RO mehr als desolat.

    Ich erinnere mich an die Attentate in Paris. Da gabs danach einen Schlachtruf: "Ce suis Charlie". Wär vielleicht eine Idee, für so jemanden, in Österreich, der als Schwerkranker auf dem Gang bleiben muss. Der braucht nur soviel rufen: "Ich bin Syrer". Das hilft ungemein.
    (Sarkasmus - Ende)

  • #4

    Georg H (Donnerstag, 05 Januar 2017 13:05)

    Ich kann die Beobachten von Dr. Franz nur bestätigen. Nach meiner Wahrnehmung waren die Gangbetten immer systemimmanent, also kein Notfall oder Ausnahmesituation an einem langen Wochenenden.
    An einige Besuche aus dem Rathaus kann ich mich auch erinnern, da gab es dann keine Gangbetten. Erinnert mich an eine Geschichte aus dem kommunistischen Rumänien, wo es angeblich eine Abteilung gab, die immer mit dem Diktator Ceaușescu reiste, vor ihm rote Holzäpfel auf die Baume hängte und hinter ihm wieder abnahm.
    Ich habe auch in Grossbritannien im Krankenhaus gearbeitet, dessen Gesundheitssystem uns hier immer als das Lambaréné Europas dargestellt wird, dort war ein Gangbett im Normalbetrieb undenkbar.