Wiener Zynismen

 

Die Wiener Ärzteschaft wird bei wichtigen gesundheitspolitischen und strategischen Entscheidungen zur Weiterentwicklung des Wiener Gesundheitssystems nur pro forma eingebunden. Meistens wird verächtlich drübergefahren und die Ärzte bleiben außen vor. Weder das Spitalskonzept 2030, in dem geschrieben steht, dass es ab 2030 neben dem AKH nur mehr 6 große Schwerpunktspitäler in Wien geben wird, noch die geplante Errichtung der Primärversorgungszentren (PHC), wurden mit der Interessensvertretung der Ärzteschaft (nämlich der Kammer) ausreichend besprochen.

 

Die Bestqualifizierten dürfen nichts entscheiden

Mit-entscheiden durften die bestausgebildeten und höchstqualifizierten Leute des Gesundheitswesens ohnehin von Anfang an nicht. Wo kämen wir denn da hin, wenn Ärzte ihrer Profession gemäß für die Art und Weise der zukünftigen Patientenversorgung etwas entscheiden? Und wozu sollen erfahrene Ärzte bei politischen Tricksereien mitreden und konstruktive Vorschläge einbringen? Rein parteipolitisch denkende Stadträtinnen, nur am Kostendruck und an der Einsparung orientierte Bürokraten und diverse Berater, die immer das Lied dessen singen, wessen Brot sie essen, reichen doch völlig aus, um den „Menschen in den Mittelpunkt“ zu stellen (was für ein Euphemismus!) und das „beste System der Welt zeitgemäß“ zu gestalten.

 

Im Spitalsplan 2030 wird reduziert

Erinnern wir uns kurz: Ganze Abteilungen sollen verschwinden und in großen Zentren zusammengeführt werden. Ab 2030 gibt es in Wien z.B. nur mehr eine Abteilung für Augenheilkunde und eine für Hautkrankheiten. Die Zentren werden uns bereits jetzt als die große medizinische Entwicklung verkauft, weil man dort „die Kompetenzen bündeln“ wird. Und die Patienten werden ihre Geldscheine bündeln müssen, um entweder ins Wahlarzt- und Privatarztsystem abwandern zu können oder zumindest genug Ressourcen für die vielfachen Taxifahrten ins weit entfernte Zentrum zu haben.

 

Das PHC als Paradies?

Natürlich werden die Härten der angeblich kostensparenden und ausschließlich „am Patienten orientierten“ Neuerungen von den gütigen Wiener Politikern abgefedert und für „die Menschen draußen“ wird es Alternativen geben: Die zur Zeit von ihren politischen Fans hochgejubelten PHCs sollen diese Alternative sein. Die medizinische Versorgung der Alltagsbeschwerden wird dort stattfinden. Anonyme Massenabfertigung inklusive.

 

Im Nationalrat wurde die Bereitstellung von 200 Millionen Euro für die österreichweite Entwicklung von 75 Zentren dieser Art beschlossen. Das Elysium der Primärversorgung, wo sich etliche Ärzte, Pfleger, Sozialarbeiter und Physiotherapeuten in linksromantischer Gleichheit auf Augenhöhe begegnen werden und den Patienten umfassend und in der „integrativen Versorgung“ betreuen werden, ist endlich gefunden. Es wird alles super.

 

Blanker Zynismus

Die Realität straft diese Pläne Lügen: In Wien gibt es ein einziges (!) Vorzeigemodell in Mariahilf, das 200.000 Euro an Subvention von der Gemeinde kassiert, ansonsten wäre es gar nicht in Betrieb gegangen. Ein zweites PHC unmittelbar beim SMZOst ist seit Jahren ausgeschrieben, es findet sich aber niemand, der es übernehmen will. Seltsam, seltsam. Warum will das bloß keiner?

 

Als ob ein Center die Welt wäre

Die bundesweite Planung der PHCs fußt also auf einem einzigen Wiener Standortmodell, das neben einer U-Bahnstation beheimatet ist, in Innenstadtnähe und in einer frequentierten Einkaufsgegend liegt und von der Gemeinde Wien gesponsert wird. Aufgrund dieser Eigenschaften ist das Modell natürlich idealtypisch für die Verhältnisse etwa im unterversorgten Waldviertel oder im Innervillgratental in Tirol und kann dort problemlos übernommen werden.

 

Das Geisterhaus von Wien

Vor allem das gähnend leere, weil noch gar nicht in Betrieb befindliche PHC beim SMZOst bietet sich als Vorbild an. Ein Geisterhaus kann man überall hinstellen und auch medienwirksam eröffnen. Was danach passiert, ist Politikern ja immer relativ wurscht. Ziele kann man stets auf nach der Wahl verschieben. „Zuerst müssts mich wählen, dann mach ich Euer superneues PHC fertig!“ –klingt doch gut für Bürgermeister und Stadträte. Und für Grüne Ärztinnen und Ärzte in Wien, die sich mit der roten Gemeinde nicht nur in dieser Hinsicht glänzend verstehen. Man möge sich nur ansehen, was die Grünen Ärzte für Eifer an den Tag legen, um ihr gut subventioniertes PHC in Wien-Mariahilf zu bewerben.

 

Die Schildbürger regieren

Man könnte natürlich sagen, da wird ein gewaltiger sozialistischer Schildbürgerstreich zum staatlichen Dogma gemacht. Hätte man auf die Wiener Ärzte gehört, gäbe es andere Modelle: Stärkung des Hausarztes (so steht es auch im Regierungsprogramm), neue Wege in der Ordinationsstruktur durch die Möglichkeit der Anstellung von Ärzten bei Ärzten, klare Zuordnung der Verantwortlichkeiten von Haus- und Fachärzten wie etwa Schaffung einer Gatekeeper-Funktion für Allgemeinmediziner, Neuordnung der unwürdigen Honorarsituation, über die jeder Installateur oder Schlüsseldienstmann lauthals lacht, wenn er etwa die Tarife für den Hausbesuch erfährt.

 

Den Pflanz merken auch die Patienten

Ganz grundsätzlich sei der (Wiener) Politik ins Stammbuch geschrieben: Der Zynismus, mit dem man gerade den Ärzten in einer wichtigen Phase des Umgestaltung begegnet, die merken auch die Wiener Patienten. Die sind nicht so blöd, wie das die Stadtpolitik gerne hätte. Und unsere Patienten lassen sich nicht gerne ihre Ärzte schlechtreden, schon gar nicht von sozialistischen und grünen Rathauspolitikern wie der nunmehr historischen SP-Stadträtin Wehsely, die von der braven Parteisoldatin Frauenberger ersetzt wurde. Auch von der grünen und immer beissend ärztefeindlichen Patientenanwältin Pilz ist nur Häme zu erwarten.

 

Bekenntnisse gibt es, Taten fehlen

Wir sind gespannt, ob die noch im alten Jahr im Parlament getätigte Ansage der Bundesministerin Oberhauser, die eine Rückkehr an den Verhandlungstisch in Aussicht stellte, nur vorweihnachtliche Lippenbekenntnisse zur Sicherung des Friedens waren oder ob doch noch ein Umdenken in den linksideologisch ausgerichteten rotgrünen Wiener Köpfen einsetzt.

 

Die McDonaldisierung der Medizin

Die Ironie am gesamten PHC-Konzept ist übrigens, dass große Investoren (also Kapitalisten!) im Hintergrund lauern, um per Kettenbildung die Wiener Ordinationen zu McDonald-artigen Dienstleistungszentren umzubauen. Und die Linken machen mit. Geld ist einem am Ende ja doch wichtiger als linke Ideologie.

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Kommentare: 1
  • #1

    Walter (Dienstag, 07 Februar 2017 08:32)

    Die Thesen ueber moegliche zukuenftige Taten der Wiener Rot/Gruen Polit Garde sind von keiner Fachkenntnis getruebt.