Befreit von allen Pflichten?

Pflichten und Verpflichtungen sind zu unangenehmen Begriffen geworden, die kaum noch jemand schätzt. Persönliche Pflichten werden als Störfaktoren staatlicher Verwöhn- und Wohlfühlprogramme wahrgenommen. Galten Pflichten einst noch als edel, anspruchsvoll und hehr, so sind sie heute zu einem irgendwie noch notwendigen, aber letztlich vor allem lästigen Beiwerk des Alltags geworden.

 

Staatliche Wellness statt persönlicher Verantwortung

Dementsprechend lösen auch Begriffe wie Disziplin, Anstand, Leistungswille, Ehre und Ehrgeiz oft nur noch negative Konnotationen aus. Die Pflicht und ihre "Verwandten" auf der einen Seite und die wachsenden Sehnsüchte nach einer allumfassenden, sozialstaatlich garantierten Wellness vertragen sich ganz einfach nicht. Pflichten werden als unangenehm und freiheitseinschränkend erlebt, für viele stellen sie nachgerade eine Zumutung dar.

 

Nur Reaktionäre verpflichten sich

Pflichtbewusstsein wird folgerichtig als altertümliche Tugend wahrgenommen, und wer seine Pflichten trotzdem brav erfüllt, gilt schnell als verstaubter und rückwärts gewandter Zeitgenosse. Das Pflichtgefühl ist zu einer verzichtbaren Charaktereigenschaft geworden, die nur noch von unbelehrbaren und belächelten Reaktionären als Wert wahrgenommen wird. Die Pflicht steht prinzipiell im Widerspruch zum weithin verbreiteten Anspruchsdenken und ist folglich auf ein Mindestmaß zu reduzieren.

 

"Ich habe das Recht auf...!"

Am besten wäre es, die Pflicht überhaupt abzuschaffen. Im Gegenzug soll eine dauernde und zunehmende Ermächtigung des Einzelnen sowie eine immer umfassendere Ausgestaltung der individuellen Rechte erfolgen. Jeder ist in diesem Sinne angehalten, seine Ansprüche genau zu kennen und diese auch bei jeder Gelegenheit einzufordern.

 

Der Einzelne darf tendenziell diese seine Rechte auch so lange nach seinem Gutdünken interpretieren, bis er irgendwann der Meinung ist, ihm stehe alles zu. Und wenn endlich jedem aus seiner subjektiven Sicht von vornherein alles zusteht, dann hat der Einzelne logischerweise keine Pflichten mehr, sondern ist von diesen definitiv befreit.

 

Der Staat hat alle Pflichten

Das wohlfahrtsstaatlich geprägte Individuum ist damit am Ziel seiner Träume angelangt.  Aber halt, wohin dann mit den zweifellos notwendigen Pflichten? Irgendjemand muss die anstehenden und abzuleistenden Pflichten doch erfüllen! Die Lösung ist einfach: Die Pflichten werden dem Kollektiv respektive dem Staat überantwortet. Das erleichtert das Dasein des Individuums ungemein, denn der Staat besteht aus dem Blickwinkel der nun aus der Pflicht genommenen Einzelnen immer nur aus den anderen.

 

Der Einzelne ist nur noch Konsument und Opfer

Das Kollektiv ist anonym, es ist groß, und es soll sich gefälligst kümmern. Der Einzelne ist ohne Verantwortung, weil ja ohne Pflichten. Er ist höchstens das Opfer gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten und daher als Wiedergutmachung vom Staat zu versorgen und möglichst zu allem zu berechtigen. Zu Ende gedacht bedeutet das jedoch, dass auf diese Weise zwangsläufig eine fortschreitende Infantilisierung des Individuums herbeigeführt wird.

 

Der Bürger als Säugling

Wenn alle Bürger nur noch Rechte besitzen und keine Pflichten mehr kennen, dann gleichen die Individuen am Ende hilflosen Säuglingen, die nach der Mutterbrust greinen und nicht in der Lage sind, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Anders gesagt: Der Mensch wird nicht ständig mündiger in einer Gesellschaft, die sich ausschließlich um eine stetige Ausreifung der individuellen Rechtsportfolios bemüht. Der kollektivistische Rechts- und Sozialstaat, der nur die Rechte pflegt und die Pflichten vernachlässigt, erzeugt unzufriedene und verwahrloste Wohlstandsopfer, die jeglichen Lebenssinn und jede Lebenskompetenz verloren haben.

 

Nur die Opfer sind brave Staatsbürger

Damit schließt sich der Kreis, denn die Opferrolle ist jene, die von den ideologischen Pflichtbekämpfern den Menschen als Grundeigenschaft zugedacht wird. Schuld am Elend des Einzelnen ist immer die Gesellschaft, die daher dessen Rechtssituation stetig verbessern muss. Und das hat über die Einrichtungen des Staates zu geschehen. Ein Perpetuum mobile ist damit eröffnet - siehe oben.

 

Der letzte Mensch blinzelt

Am Ende dieses im Kern degenerativen und zerstörerischen Prozesses steht der in Friedrich Nietzsches Zarathustra prophetisch beschriebene "letzte Mensch". Dieser hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht, und auch die Gesundheit ist ihm wichtig. Ansonsten ist er passiv, abwartend und adynamisch. Der letzte Mensch fühlt sich aber erstaunlich gut dabei: "Wir haben das Glück erfunden", sagen die letzten Menschen - und blinzeln.

 

 

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(Erstaunlich, dass die Langversion dieses Textes bereits 2013 erschienen ist - als Gastkommentar in der österreichischen Tageszeitung "Der Standard".  Weniger erstaunlich finde ich, dass nichts vom hier Besprochenen und Kritisierten seitdem besser geworden, sondern eher das Gegenteil der Fall ist)

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Diederich Heßling (Donnerstag, 06 April 2017 08:11)

    Warum hat Mose von Gott wohl die 10 Gebote erhalten? Es sind doch 10 Pflichten und keine 10 Rechte!
    Die sogenannten "Menschenrechte" sind in Wahrheit die größte Geißel der Menschheit!

  • #2

    Wilhelm Scheidl (Donnerstag, 06 April 2017 13:03)

    Richtig, die Einhaltung der zehn Gebote Gottes würde schon genügen, um ein friedliches Miteinander zu gewährleisten. Wer diese Weisheit einmal verstanden hat, ist auf dem richtigen Weg. Viele sind es wohl nicht!

    Es ist eine moralische Verpflichtung von uns Wissenden, immer wieder unwiderlegbare Argumente zu liefern, warum die Politik einen falschen Weg geht und wie eine verantwortungsvolle Politik aussähe. Machen wir das nicht, sind wir mitschuldig, denn nur mit der Wahrheit ist man auf dem richtigen Weg. Zu schweigen verstößt nämlich auch gegen die Wahrheit.

  • #3

    waltraud-therese (Donnerstag, 06 April 2017 22:40)

    2 aussagende Sprichwörter:

    Mit dem Wahrsagen läßt sich´s gut leben, aber mit dem Wahrheit-Sagen nicht!

    Denken ist die schwierigste Arbeit der Menschheit, deshalb beschäftigen sich die wenigsten damit.

  • #4

    Wilhelm Scheidl (Samstag, 08 April 2017 10:27)

    Ich darf dazu die Namen der Zitatgeber ergänzen, da es sich um große Persönlichkeiten der Menschheitsgeschichte handelt:

    Erstes Zitat stammt von Georg Christoph Lichtenberg (1742 - 1799), Mathematiker, Experimentalphysiker. Er gilt auch als Begründer des deutschsprachigen Aphorismus.

    Das Denk-Zitat ist von Henry Ford (1863 - 1947).

  • #5

    … Das wohlfahrtsstaatlich geprägte Individuum … (Freitag, 21 April 2017 17:31)

    Damit meint der Autor natürlich Großkonzerne, dem Volk mittels sogenannter Privatisierung gestohlene Konzerne, Banken, Politiker, die leistungslos auf der Bürger Kosten leben, die von unten nach oben umverteilen und den Räubern auch noch die Steuerzahlungen erlassen möchten. In den EU-Staaten ist noch dazu der absichtlich unverfolgte Steuerbetrug auf eine Billion Euro angeschwollen. Und reinholen würde der Politabschaum dies am liebsten von Ihnen! Von Leuten also, die nichts haben.

    Anweisung: https://youtu.be/v7RYC-U_8SQ?t=18