Die Freiheit der Ärzte

 

 

Neben der geeigneten Persönlichkeitsstruktur und einer guten Ausbildung ist für die bestmögliche Ausübung des Berufes „Arzt“ die Freiheit das wichtigste Gut. Die Berufung zum Beruf ist eine Voraussetzung, die schon vorher gegeben sein muss. Aber über allen Bedingungen des Arztseins steht eben letztlich und absolut die Freiheit. Sobald jemand berufsberechtigter Arzt ist, muss er daher idealerweise selbstständig und frei in seinen diagnostischen und therapeutischen Handlungen sein.

 

Freiheit? Bei uns nur ansatzweise

Diese notwendigen Gegebenheiten für die Freiheit finden wir in Österreich nur in Ansätzen wieder. Das System ist nämlich schon beim Eintritt der jungen Menschen, die Ärzte werden wollen, darauf ausgerichtet, die Freiheitsgrade einzuschränken.  Bereits nach der für die Feststellung der späteren Arzt-Qualitäten völlig ungeeigneten Aufnahmeprüfung auf den Medizin-Unis ist für die angehenden Studenten ein echter Schulbetrieb errichtet worden, der rigide Schemata vorgibt. Das ist ein konträrer Ansatz zu früher, als die Freiheit der Studenten im Vordergrund stand.

 

Jetzt kann man natürlich argumentieren, dass gerade in den frühen Ausbildungsjahren auf Disziplin, Kontrolle und Leistung wert gelegt werden muss und weniger auf Freiheit – aber ob das für den Beruf notwendige Rüstzeug und das ganz besondere, ja einzigartige Leistungsprinzip an den jetzt überall von der Universität zur „Medical School“  mutierten Ausbildungsstellen optimal vermittelt wird, ist zu bezweifeln.

 

Wie es nach der „Medizin-Schule“ weitergeht

Im Anschluss an das Studium erfolgt die seit kurzem neu geregelte Ausbildung im Spital. Alle Ärzte müssen heute eine neunmonatige Basisausbildung durchlaufen, danach zweigt sich die Ausbildung in eine zum Facharzt bzw. in eine zum Allgemeinmediziner auf. Diese 9 Monate Basisausbildung bestehen nur aus Innerer Medizin und Chirurgie. Sie ersetzen den früheren sogenannten „Turnus“, bei dem alle Ärzte 3 Jahre lang eine Grundausbildung in allen Fächern erhielten und danach Allgemeinmediziner waren.

 

„Fachidioten“ als Ziel?

Eine Facharztausbildung wurde früher meistens erst danach angestrebt. Es war selbst bei definitivem Wunsch schwierig, vor der Absolvierung des Turnus eine Fachstelle zu bekommen, weil die Primarärzte sinnvollerweise Wert darauf legten, dass die zukünftigen Fachärzte möglichst viel Wissen mitbrachten und keine „Fachidioten“ produzieren wollten. Heute ist es umgekehrt.

 

Das hat natürlich sehr viel mit Freiheit und deren Einschränkung zu tun: War man früher (nach dem Turnus) ein selbstständig zur Berufsausübung berechtigter Arzt, der mit einer Fachausbildung begann, ist man heute weiterhin in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Spital und zu den Vorgesetzten verhaftet.  Das System sorgt also schon früh dafür, dass Eigenverantwortung und Freiheit möglichst lange Fremdworte bleiben. Ärzte in Ausbildung können übrigens nach wie vor auch für arztfremde Tätigkeiten wie Bürokratie oder Spritzenausteilen verwendet werden. Das spart Arbeitskräfte im Spital, wenn man den Ärzten möglichst viel nichtärztliche Arbeit anhängt.

 

Auch später ist Freiheit schwierig

Sobald der Arzt seine Ausbildung durchlaufen hat und Allgemeinmediziner oder Facharzt geworden ist, bleibt die für die optimale Berufsausübung so dringend notwendige Freiheit oft genug noch ein Fremdwort. Wenn der Arzt angestellt bleibt, muss er sich dem jeweiligen Dienstrecht des Arbeitgebers beugen und hat nur eine begrenzte diagnostische und therapeutische Freiheit als Mediziner, obwohl im diese im Ärztegesetz garantiert wird. 

 

Ökonomische Vorgaben des Spitalserhalters und dessen Erfüllungsgehilfen namens Geschäftsführer engen die Freiheiten der Ärzte oft dramatisch ein. In der Realität ist es längst so, dass Nicht-Ärzte darüber bestimmen, was Ärzte dürfen und was nicht. Der Götze, der dabei angebetet wird, heißt „Ökonomie“. Abteilungs-Chefs müssen oft genug zu Kreuze kriechen und um Erlaubnis fragen, wenn sie bestimmte neue und für die Patienten womöglich sehr hilfreiche Methoden anwenden möchten.

 

Der Arzt als Geschäftsführer

Man muss Glück und einen Arzt als Geschäftsführer über sich haben, ansonsten begreifen die üblicherweise als Entscheider eingesetzten Spitalsökonomen oft gar nicht, worum es geht. Sie setzen immer die Wirtschaftlichkeit mit ihren Ziffern und Kennzahlen als Maßstab ein, sind aber eben keine Ärzte und entscheiden über lebenswichtige Dinge, von denen sie gar keine Ahnung haben können – außer, sie haben sie gelernt oder sehr viel Erfahrung und keinen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Ärzten.

 

Eine Grundforderung in einem verbesserten System muss daher lauten, dass nur solche Leute Geschäftsführer von Spitälern sein dürfen, die auch eine ärztliche Tätigkeit ausgeübt haben oder ausüben. (Dazu gibt es übrigens Studien von McKinsey, die belegen, dass Krankenhäuser, die von Ärzten geführt werden, auf ganzer Linie besser abschneiden als solche, die von Nicht-Ärzten geleitet werden)

 

Das Angestelltenverhältnis ist nicht ideal

Grundsätzlich ist es auch gar nicht ideal, Ärzte in einem Angestelltenverhältnis zu führen. Dadurch geht automatisch ein Teil der Berufs-Freiheit verloren. Besser für die Patienten und die Spitäler (auch für die öffentlichen!) ist es, wenn externe Ärzte auf Honorarbasis ihre Operationen und Visiten durchführen.  Man kann ein kleines ärztliches Notfallteam im Krankenhaus haben, um für bedrohliche Situationen gerüstet zu sein, aber das Gros der Medizin sollte – wie in Privatspitälern immer schon üblich – von freien Ärzten angeboten und geleistet werden.  

 

Es müssen keine Hundertschaften von diensthabenden Fachärzten die Spitäler bevölkern. Das war und ist nur Usus, weil man als Arzt nur über die Nachtdienste ein halbwegs passables Einkommen erlangt. Wenn wir schon heute überall die Slogans von der Auslagerung der medizinischen Leistungen aus den Spitälern hören, muss man immer mitdenken, dass das alles machbar wäre - man muss es nur wollen.

 

Solche wirklichen reformerischen Ideen gelangen aber kaum in die öffentliche Debatte, weil die Systemverantwortlichen im öffentlichen Bereich die Freiheit der Ärzte naturgemäß fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Diese Leute wollen nur Bürokratie und Kontrolle und die Ärzte am Gängelband halten. Man will den Berufsstand nicht in eine für Patienten und Ärzte vorteilhafte Lage bringen, in der er womöglich viel freier und patientengerechter agieren könnte. Was würden denn dann all die Funktionäre im Kassensystem und die vielen Verwalter in den Spitälern und Institutionen plötzlich tun?

 

Wie ist es bei den niedergelassenen Ärzten?

In der freien Niederlassung haben die freiheitsgefährdenden Phänomene ebenfalls längst ihre unheilvolle Wirkung entfaltet. Dem Götzen „Ökonomie“ wird auch dort alles untergeordnet. Die Kassen fahren seit vielen Jahren einen rigiden Sparkurs und versuchen ständig, den niedergelassenen Ärzten am Zeug zu flicken.

 

Beschränkungen bei den Leistungen, diverse Deckelungen und massiver Druck bei Honorarverhandlungen engen die diagnostische und therapeutische Freiheit der Ärzte zum Nachteil der Patienten ein. Bewilligungsverfahren für Medikamente („Chefarztpflicht“) oder die letztlich von den Kassen verursachten Wartezeiten auf CT- und MR-Termine sind nur zwei Beispiele aus einem ganzen Konvolut von Restriktionen, die freiheitsreduzierend wirken.

 

Das ständig beschworene und auch für die Patienten spürbar gelebte Sparen hindert die Sozialversicherungen aber nicht daran, hunderte Millionen Sonderpensionen für die eigenen Mitarbeiter auszuzahlen. Auf der Strecke bleiben wie immer: Die Patienten. Ihre zwangsweise eingezahlten Gebühren werden oft so verwendet, wie es die Kassen für richtig befinden und nicht so, wie es die Medizin erfordert.

 

Ökonomie? Natürlich.

Immer wieder wird moniert, Ärzte würden sich nicht um die Ökonomie kümmern und nur auf ihr Einkommen achten. Das ist böswilliger Unsinn. Klarerweise ist der Ökonomie Platz einzuräumen, das weiß jeder ernstzunehmende Arzt. Ohne ökonomische Kenntnisse kann man keine Ordination führen und man braucht natürlich auch das Wissen um die Kosten, die durch medizinische Maßnahmen erzeugt werden.  Verantwortungsvolles medizinisches Handeln wird immer die Ökonomie beachten, weil wir alle wissen, dass die Mitteln begrenzt sind.

 

Und hart arbeitenden, fleißigen Ärzten ihr Honorar für ihre höchst verantwortungsvolle Tätigkeit vorzuwerfen, ist zynisch und der Vorwurf ist nicht selten von Neidgefühlen gespeist. In diese Niederungen sollte sich die gesundheitspolitische Debatte gar nicht begeben. Im Übrigen steht es jedem Menschen frei, Einsicht in den Honorarkatalog der Kassen zu nehmen - man kann sich nach der Lektüre über die Geringfügigkeit vieler dort beschriebener Einzelpositionen dann gerne wundern.

 

Die Freiheit wiedergewinnen

Die Freiheit der Ärzte darf von Rechts wegen nur durch die Vorgaben der Wissenschaft, durch das Gesetz und durch die Ethik begrenzt werden. Alle anderen Einschränkungen sind kontraproduktiv und schaden dem Beruf und somit auch den Patienten.

 

Um die ärztliche Freiheit wieder zur Gänze herzustellen, muss  folgendes geschehen: Ärzte müssen nach ihrer Berufsausbildung jedes Angestelltenverhältnis ungehindert aufgeben können. Die Bindung an Institutionen und Spitäler soll nur mehr auf Honorarbasis und in Form von frei gestalteten Arbeitsverträgen erfolgen. Fachärzte behandeln ihre Patienten sowohl stationär in den Spitälern wie auch ambulant in ihrer Ordination, die durchaus auch in den Spitälern angesiedelt sein kann (wie das z.B. in Holland der Fall ist). Für die notwendige Lehrtätigkeit in den Spitälern gibt es Sonderverträge mit Ärzten, die junge Kollegen ausbilden möchten. 

 

Unser jetzt nur im Privatbereich mögliches Belegarzt-System ist auch im öffentlichen Bereich anwendbar. Dafür muss man nur die stationären und die ambulanten Gesundheitskosten zusammenführen.  Die Finanzierung der beiden Bereiche bleibt ja trotz aller laufenden Reformbemühungen noch immer strikt getrennt, es gibt nach wie vor keine Finanzierung aus einer Hand. Sobald es diese gibt, kann man problemlos ein freiheitsorientiertes System etablieren, das nicht nur den Ärzten, sondern vor allem auch den Patienten zugute kommt. Und man kann ein Honorarsystem einführen, das den gesamten Gesundheitsbereich betrifft und nicht in stationär und ambulant getrennt ist.

 

 

 

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Was soll das Gejammere? (Dienstag, 25 Juli 2017 01:40)

    Keiner ist freier als ihr. Scheinselbständigkeit, versorgt durch öffentliche Gelder (Kassen), was gibt es Besseres, den Leuten tief in die Taschen zu greifen?

  • #2

    Das Kommentar ist bei (Dienstag, 25 Juli 2017 01:41)

    einmal absenden doppelt erschienen. Komischer Fehler, der ist mir so noch nie untergekommen.

  • #3

    michaelcollins (Dienstag, 25 Juli 2017 07:34)

    Ich verstehe nicht, wieso Kassen schuld an den langen CT- oder MRT Wartezeiten schuld sein sollen.
    Das ist keine polemische Frage, ich möchte es wirklich wissen.

  • #4

    Freiheit! Freiheit? (Dienstag, 25 Juli 2017 19:56)

    Leute wie du werden hier beschrieben:

    https://www.youtube.com/watch?v=6-9r1j-cWjc

    Und heute hast du selbst Angst? Hehe!