Die Gesundheitspolitik zu den Ärzten!

 

In Österreich wird seit vielen Jahren über eine umfassende Gesundheitsreform debattiert. Fallweise gibt es Ausflüsse aus dieser Diskussion, die dann in kaum brauchbare Gesetze (wie das kürzlich beschlossene Primärversorgungsgesetz) münden.  Von den Gesundheitspolitikern aller Lager wird stolz deklamiert, dass man ja immer nur an den Patienten denke, weil der "steht im Mittelpunkt".  Das ist natürlich eine hohle und unwahre Phrase, denn im Mittelpunkt von Schreibtischtätern steht immer nur ihr Schreibtisch und die darauf liegenden Akten und ihr PC. Was als "nur für den Patienten" bezeichnet wird, dient lediglich der Bürokratie und dem Erhalt der eigenen, aber nur scheinbaren Unentbehrlichkeit.

 

Der Beweis für diese These ist, dass bei all den sogenannten Reform-Bemühungen die Ärzteschaft stets nur eine marginale Rolle spielt – obwohl Ärzte naturgemäß die Hauptakteure im Gesundheitssystem sind und die höchste Verantwortung tragen.

 

Minister als Ja-Sager

Selbst zu Zeiten, in welchen erfahrene Ärzte als Minister tätig waren, vermochten diese kaum jemals ihre Expertise nachhaltig in die Reformpläne einzubringen. Wir erinnern uns: Die letzten wirklich als Ärzte aktiven Minister waren Dr. Steyrer, Dr. Ausserwinkler und Dr. Waneck (als Staatssekretär) - die drei anerkannten Ärzte konnten aber im Funktionärsapparat kaum etwas bewegen.

 

Auch die jetzige Ministerin Dr. Rendi-Wagner ist Ärztin. Sie kommt aber aus der Theorie und ist deswegen zwar in der Lage, schöne Thesen zu formulieren, die ihr von den mächtigen Apparaten wie Gewerkschaft und Hauptverband sowie von ihren Sektionschefs inhaltlich vorgegeben werden, aber wirkliche Systemverbesserungen können auch ihr nicht gelingen.  (Wenn sie nach dem Wahltag 15.Oktober überhaupt noch im Amt ist.)

 

In der Politik sind die Ärzte die Feinde

Die ständig scheiternde Gesundheitspolitik ist nicht den Ärzten anzulasten, da steckt etwas anderes dahinter. Ärzte werden offenbar nur in Spitälern oder Ordinationen als Gesundheits-Profis wahrgenommen. Sobald Ärzte politische Aufgaben übernehmen, haben sie anscheinend ein Problem mit ihrer Durchsetzungskraft: Sie geraten nämlich sofort in das Spannungsfeld von politischen Interessen diverser Pressure-Groups und Lobbys - und dort werden sie zerrieben. Patientenanwälte, führende Kassen-Apparatschiks und wichtigtuerische, teils am Machtrausch erkrankte Landespolitiker errichten Barrikaden, die jedes ärztliche Engagement abwehren. Im Hintergrund sind dabei immer ebenfalls nicht-ärztliche Berater aktiv, denen die Ärztefeindschaft in die DNA eingeschrieben scheint.

 

Die Triebfeder ist der Neid

An dieser Malaise sind wir Ärzte einerseits teils selber schuld, da unsere Interessensvertretungen noch immer zuwenig daran arbeiten, das Image des Arztes als Gesundheitsexperte besser zu konturieren. Die Ärztekammer schafft es nicht, die ihr zustehende Themenführerschaft zu übernehmen. Andererseits bestehen aber auch gewisse allgemeine Ressentiments gegen Ärzte als Politiker. Schärfer formuliert: Mediziner in politischen Funktionen sind früher oder später Zielscheibe von Unterstellungen wie: Ärzte würden nur die Interessen von Ärzten vertreten (= Geldverdienen), Ärzte würden nur Schwarzmalerei betreiben („mit dem Leichentuch wacheln“), Ärzte hätten keine gesundheitsökonomische Kompetenz usw. Kurz, Ärzte sollten Ärzte sein und keine Politiker oder Reformer.

 

Diese bei den systemverantwortlichen Gesundheitspolitikern und nicht-ärztlichen Funktionären in den Krankenkassen recht weit verbreitete Grundhaltung, den Medizinern politische und reformorientierte Verantwortlichkeit abzusprechen, ist aber letztlich ein fataler Fehler.

 

Nicht-Ärzte als Experten?

Sollen die notwendigen Systemänderungen vornehmlich unseren nichtärztlichen Politikern, die nur auf kurzfristige Befriedigung ihrer Klientel und Erhaltung des Status quo schielen, überlassen werden? Sollen theoretisierende und ausschließlich auf Einnahmen-Ausgaben-Rechnungen fixierte Gesundheitsökonomen die Reformen strukturieren? Sollen weiterhin Beamte und Funktionäre aus großteils völlig anderen Berufssparten über die Art und Weise der österreichischen Gesundheitsversorgung bestimmen?

 

Diagnostizieren, Behandeln und - wenn möglich – Heilen, so heißen die klassischen Aufgaben des Arztes. Zumindest im täglichen Routinebetrieb in den Ordinationen und Spitälern. Wie es wirklich zugeht im Gesundheitssystem und was wichtig ist für den Patienten, das wissen die Ärzte am Besten, denn die haben den täglichen Kontakt mit denjenigen Menschen, für die das Gesundheitssystem da ist. Und sie haben die Verantwortung.

 

Die Ärzte können es am besten

Wäre es daher nicht im Sinne der Allgemeinheit, bei Überlegungen  von Gesundheitsreformen die Ärzte als die Gesundheits- und Medizin-Experten intensiver in die planenden und entscheidenden Gremien zu integrieren als das bisher geschah?

 

Vorstellbar wäre z.B. in Anlehnung an die Pensionsexpertenrunde eine von der Bundesregierung durchgeführte Einberufung einer von Politik, Kassen- und Kammerwesen unabhängigen medizinischen Expertengruppe. Dieser offiziell ernannte „Weisenrat“ könnte autonom und weisungsfrei im Teamwork mit anderen, unmittelbar mit der Patientenversorgung befassten Gesundheitsprofis (Pflegern, Pharmazeuten, Therapeuten) die notwendigen Veränderungen für ein zukunftssicheres Gesundheitssystem ausarbeiten. Gesundheitsökonomen müssten in einem solchen Team natürlich ebenfalls vertreten sein, Ökonomie ist notwendig und auch kein Widerspruch zu medizinischer Kompetenz und Professionalität.

 

Die Freiheit und die Unabhängigkeit

Eine solche Gruppe könnte jedenfalls wesentlich freier und unbelasteter agieren als dies die derzeit aktiven offiziellen „Think-Tanks“ tun, die alle massiv von der Politik, den Kassen, den Körperschaften und den Kammern abhängig und beeinflusst sind und demzufolge immer nur die Partikularinteressen ihrer Lobbies bedienen (müssen).

 

Eine transparent zusammengestellte Experten-Gruppe, die definitiv nicht von den verschiedenen Körperschaften im Gesundheitswesen beschickt wird, würde mit Sicherheit frischen Wind und womöglich überraschende, sicher aber gut argumentierte und konturierte  Verbesserungsvorschläge für das marode System zustande bringen.

 

Weg mit der Eigennutz-Bürokratie

Die immer auch von Eitelkeit und Eigennutz getriebenen Hofräte Hinsichtl und Rücksichtl hätten in diesem Gremium nichts verloren, ebenso wenig wie die üblichen beamteten Lobbyisten aller Couleurs. Und das Ergebnis der Expertengespräche kann von Parlament und Regierung zur Planung der zukünftigen Reformen herangezogen werden.   

 

Die Ärzte müssen sagen, wie es geht

Klar ist: Im Sinne der dauerhaften Gewährleistung einer qualitativ hochstehenden medizinischen Versorgung sollten die Ärzte bei jeder Reform die Themenführerschaft übernehmen. Das muss die höchste Aufgabe der Ärztekammer sein. Und natürlich ist es auch notwendig, dass Ärzte im Parlament vertreten sind.

 

Erstaunlicherweise haben aber weder die SPÖ noch die ÖVP vor, zukünftig politisch aktive Ärzte als Abgeordnete ins Hohe Haus zu entsenden - die beiden Stillstandsparteien wollen dort lieber Apparatschiks oder mit Pomp und Trara präsentierte naive Neu-Einsteiger. Das sollte den Bürgern bei der kommenden Wahl zu denken geben.

 

 

 

 

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Kommentare: 4
  • #1

    michaelcollins (Montag, 31 Juli 2017 07:25)

    Pfleger ?
    Das wäre mir neu, dass ausschließlich Männer pflegen.
    Der korrekte Begriff lautet Pflegepersonal oder Pflegepersonen.

  • #2

    Korinthenkacker (Montag, 31 Juli 2017 09:02)

    Die hatte ich immer am liebsten, die aus einer Situationsbeschreibung eine Korinthe heraussuchten um sich damit in den Vordergrund zu schieben. Billig.

  • #3

    Maria (Dienstag, 01 August 2017 18:04)

    Stimmt! Es gehören mehr Experten in die Politik!

    Zum Beispiel wäre es gut, wenn hauptsächlich Ärzte über medizinische Themen reden würden.

    Auf der anderen Seite sollten sich aber auch nicht irgendwelche dahergelaufenen Ärzte als Flüchtlingsexperten ausgeben, obwohl sie nachweislich überhaupt keine Ahnung von der Materie haben.

  • #4

    Georg H. (Mittwoch, 02 August 2017 00:20)

    Ich denke, die Problematik beginnt damit, dass die Gesundheits- eigentlich Krankheitskosten ins BIP gerechnet werden. Eigentlich müssten sie abgezogen werden. So, wie es jetzt gerechnet wird, bedeutet mehr Krankheit - > mehr Therapiekosten -> mehr Wirtschaftswachstum. Somit sind alle Beteiligten an mehr Umsatz interessiert. Die Ärzte kann man da nicht ausnehmen. Da die Medizin einer der letzten Wachstumsmärkte ist, drängt das grosse Kapital in diesen Markt. Damit verstärkt sich der Effekt, wie man in Deutschland sehen kann. Nachdem man dort die Krankenhäuser privatisiert hatte, sind die OP Zahlen in nur 5 Jahren um 25 % gestiegen, bei Wirbelsäulenoperationen sogar um 70% bis 100%
    http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/krankenhaeuser-zahl-der-operationen-laut-regierung-drastisch-gestiegen-a-918152.html
    Für mich liegt da ein Systemfehler vor. Wer dabei Gesundheitsminister ist, ist völlig irrelevant. Ich konnte im letzten Jahrzehnt keinen wesentlichen Unterschied zwischen einem gelernten Maschinenschlosser und zwei Fachärztinnen erkennen.