Gefährliche Drohungen

 

Die ÖVP will sich neu erfinden. Das ist hinlänglich bekannt. Was aber noch wenige wissen: Die Schwarzen, die nun ganz in Türkis auftreten, wollen auch das Gesundheitssystem neu erfinden. Will heißen: Geht es nach den Vorstellungen jener im Angriffsmodus agierenden jungen Wilden in der ÖVP, die nach außen hin das brave Schwiegersohn-Image pflegen, aber intern durchaus Killerinstinkte beweisen, dann soll zunächst einmal die Ärzteschaft in ihrer ohnehin geschwächten Führungsrolle weiter demontiert werden. Ein handfestes Indiz dafür ist, dass der langjährige und höchst erfahrene Arzt und Gesundheitssprecher Erwin Rasinger zukünftig nicht mehr im Team der ÖVP dabei sein wird.

 

Neue Konzepte  sind nicht automatisch besser

Wie gesagt, der Abgang Rasingers ist nur ein Indiz. Und natürlich gibt es in jeder Partei immer wieder personelle Veränderungen und Neubesetzungen, das ist auch völlig legitim und bietet Chancen für Reformen. Aber die Planungen der ÖVP für das Gesundheitssystem verheißen trotzdem nichts Gutes für die Patienten. Es soll zwar der Hausarzt aufgewertet und besser bezahlt werden und spezielle Anreize sollen unterversorgte Gebiete für die niedergelassenen Ärzte attraktiver machen.

 

Was neben diesen positiven Botschaften von den türkisen und alles an sich reißenden Youngsters vermittelt wird, lässt allerdings jeden Insider stirnrunzelnd aufhorchen: Neudeutsch wird von "Virtual Care Rooms" gesprochen, die in entlegenen Regionen die Patientenversorgung gewährleisten sollen. Das klingt zunächst modern und man verabsäumt nicht, das im Gesundheitswesen immer gern für Vergleiche gebrauchte Schweden als Vorzeige-Modell dieser neuartigen und massiv technologisch dominierten Behandlungseinheiten zu zitieren.

 

Ein Ort des Schreckens

Bei näherer Betrachtung ist ein "Virtual Care Room" (VCR) aber ein Ort des technokratischen Horrors. Der Patient ist dort so allein wie in einem Bankomat-Foyer und die Atmosphäre ist ähnlich unpersönlich - nur dass man halt dort kein Geld holen will, sondern womöglich dringende medizinische Hilfe braucht. Man stelle sich das plastisch vor: Der Patient kann im VCR mit einem Computer Kontakt aufnehmen und über diesen auch mit einem weit entfernten, aber immerhin echten Arzt kommunizieren. Das heißt, der diensthabende Doktor versucht per Fernwartung (die heute euphemistisch gern "Telemedizin" genannt wird), gemeinsam mit dem Patienten dahinter zu kommen, was denselben plagt. Das Ganze passiert online, ohne persönlichen Kontakt und ohne direkte Untersuchung. Wer glaubt, dass dieses medizinische Video-Kommunizieren fortschrittlich oder erstrebenswert ist, der war noch nie krank.

 

Unpersönliche Medizin ist kalte Medizin

Weil kein Arzt persönlich anwesend ist und der Doktor dem ärztlichen und gesetzlichen Grundauftrag der unmittelbaren und direkten Patienten-Behandlung daher gar nicht folgen kann, funktioniert die "Versorgung" im VCR über standardisierte Fragenkataloge und Kameras, wo man sein Ekzem, seine Blutwerte oder seine Verletzung herzeigt. Blutdruckmesser sind natürlich vorhanden, man wird also immerhin von einem Gerät auch physisch berührt. Und wenn es einem wirklich schlecht geht und man im VCR kollabiert, dann weiß der Rettungsdienst wenigstens, wo man abzuholen ist. So ein "Virtual Care Room" ist also eine wirklich tolle Sache. Dort wird auch das von der Gesundheitspolitik ständig wiederholte Bekenntnis zur menschlichen Zuwendungsmedizin ganz wunderbar ausgelebt - und das ganze noch unterstützt vom Götzen der Moderne, nämlich dem Computer. Perfekt. Oder wie?

 

Im Ernst: Die Telemedizin hat in vielen Bereichen eindrucksvolle Verbesserungen gebracht - etwa in der Fernbefundung von Röntgenbildern durch Spezialisten an Zentren oder in der elektronisch assistierten Chirurgie, wo man Experten aus anderen Städten oder Ländern live zur OP zuschalten kann. Der Punkt ist aber: Hier sind immer auch Ärzte aus Fleisch und Blut beim Patienten. Im "Virtual Care Room" sind statt dessen PC-Docks und Keyboards für den Patienten da. 

 

Extreme Notlösung

Ein "Virtual Care Room" kann daher nur eine extreme Notlösung für extreme Situationen sein, z.B. in Berghütten auf 2000 m Sehöhe. Oder meinetwegen in Schweden in den unwegsamen Gegenden am Polarkreis. Aber die Idee, diese VCRs auch nur ansatzweise zum Standard für unterversorgte heimische Gebiete zu machen, ist außer zynisch nur noch bedrohlich. Wie kann man in einem Gesundheitskonzept für die Zukunft ernsthaft solche Vorschläge als modern und "gut für den Patienten" darstellen?

 

Die Erklärung dafür ist einfach. Solche Ideen sind meist nicht a priori zynisch oder gar bösartig. Sie werden von jungen, gesunden Leuten geboren, die kaum eigene Erfahrung mit Krankheit oder Lebensgefahr haben. Papier ist geduldig und man fühlt sich cool beim Konzipieren von elektronischen Features, belächelt erfahrene Ärzte und argumentiert mit internationalen Vergleichen (siehe Schweden), die dann für Österreich zurecht gezimmert werden. Offensichtlich halbgebildete und lenkbare Journalisten geben in den Medien willfährig diese pseudomodernen Konzepte wieder, ohne auch nur ein Wort der Kritik oder der Nachfrage zu äußern.

 

Die Industrie reibt sich die Hände

Die Technokraten, Wirtschaftsspezialisten und Ökonomen freuen solche Konzepte natürlich ungemein, denn die haben erstens sowieso eine Zusatzversicherung und einen echten, lebenden Privatarzt  statt eines VCR und zweitens können sie auf die Kostenreduktion durch die Automatenmedizin verweisen. Und last not least kann man mit der forcierten Computerisierung der Medizin schönes Geld verdienen. Daher finden solche Ideen stets heftige Akklamationen von Seiten der Wirtschaft, weil hier zählt legitimerweise nur der Gewinn und die Kostenreduktion. Der Arzt in seiner klassischen Erscheinungsform als Mensch und Helfer ist da nur hinderlich (außer, man braucht ihn selber).

 

Der normale Patient muss sich unterordnen

Völlig auf der Strecke bleiben dabei wie so oft die Leute, die sich gegen die oktroyierte Technokratie in der Medizin nicht wehren können. Um die wirtschaftlichen Interessen breit durchzusetzen, ist die neue ÖVP offenbar bereit, ihre bewährten Grundsätze über Bord zu werfen: Man stoppt nun endgültig die Unterstützung für die klassischen Freiberufler und liefert sich den Interessen einer kontroll- und technikgläubigen modernistischen Lobby aus.

Türkis macht`s möglich.

 

 

 

 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 4
  • #1

    Jörg Hofmann (Freitag, 18 August 2017 08:01)

    Perfekte Analyse - unglaublich, was da drohen könnte.....

  • #2

    Hieronymus (Freitag, 18 August 2017 12:24)

    Coole Politik der kommenden Billies (the kids)

  • #3

    Jetzt hast du in einem der letzen Artikel (Samstag, 19 August 2017 02:20)

    noch ÖVP-Nähe bezeugt und versucht, durch deine Nettigkeiten, wieder dort anknüpfen zu können, und plötzlich wieder Feind. Ist die Akzeptanz dir gegenüber innerhalb dieser menschenfeindlichen Partei nicht zurück gekehrt? Alles schief gelaufen mit dem wieder Fuß fassen?

  • #4

    https://drive.google.com/file/d/0BytICGBQUiX5RWZvdzJHT2piR0U/view (Samstag, 19 August 2017 02:42)

    Auch eine schwarze Partei geherrscht damals?