Das Mimimi der Journaille

Zugegeben: "Journaille" ist kein sehr schmeichelhafter Ausdruck für die Medienszene. Aber so, wie sich eine Vielzahl der dort tätigen Damen und Herren regelmäßig präsentiert, ja geradezu aufführt, ist die Bezeichnung oft durchaus angebracht und berechtigt. Von Seriosität und Anstand wird zwar in den Gazetten und TV-Medien viel geschrieben und geredet, aber die Realität und die Hintergründe der Traktate, Texte und sonstigen publizierten Formate strafen die hauptberuflichen Medien-Autoren immer wieder Lügen.

 

Tucholsky und Friedell lassen grüßen

"Der Nachrichtendienst ist das komplizierteste Lügengewebe, das je erfunden worden ist" - so sagte Kurt Tucholsky, der selbst Journalist war. Und dieses Diktum ist leider noch immer richtig. Wir haben im Rahmen der Migrationskrise einen eindrucksvollen Offenbarungseid der Medienszene miterlebt und geradezu schauerliche und teils sogar vorsätzliche Fehlleistungen vieler Medien mitangesehen. Der Begriff "Lügenpresse" erhielt durch die immer wieder zumindest fragwürdige und oft parteiische Berichterstattung zur Massenimmigration eine neue Aufladung.

 

Medienversagen

Besonders die öffentlich-rechtlichen Sender haben sich in den letzten beiden Jahren nicht gerade mit Ruhm bekleckert, wenn es um Reportagen über die Migrationsproblematik ging. Und die Kommentatoren in den sogenannten Qualitätsmedien ließen und lassen sich immer wieder dazu hinreissen, tendenziöse Glossen zu verfassen und eindeutig manipulativ wirksame semantische Verdrehungen zu bringen, die von (meist linker) Ideologie, der Presseförderung und den politischen Inserate-Finanziers beeinflusst werden. Das Publikum erlebte ein Lehrstück nach dem anderen, wie seriöse Publizistik eigentlich nicht sein dürfte.

 

"Politik ist das System der Prinzipienlosigkeit" stellte der große Kulturhistoriker Egon Friedell einmal fest. Und die Vierte Macht im Staate, die Medien, sind bei weitem nicht das prinzipiell(!) notwendige Kontrollorgan dieses politischen Systems, sondern eher seine von einer gewissen Perfidie durchdrungene Unterwelt - das könnte man dem Satz Friedells hinzufügen. Medien und Politik sind sozusagen Unterbau und Überbau, die ohne einander nicht sein können.

 

Die Berufs-Kritikaster

Eine ganze Menge von Journalisten fühlt sich berufen, Politik und Politiker zu kritisieren. Das tun sie aus einer meist recht komfortablen Position heraus: Nämlich von ihrem Schreibtisch aus. Behäbige und selbstgerechte Charaktere in den diversen Redaktionsstuben vermeinen, sie könnten ihren von Arroganz getränkten Moralismus und ihre ewige Besserwisserei, die oft genug in persönliche Anpatze ausartet, als Daseinsrechtfertigung benützen und mit dem drohenden Zeigefinger den Politikern täglich sagen, wo es lang geht. Kolumnen, Glossen und Leitartikeln strotzen permanent vor solchen selbstherrlichen Attitüden. 

 

Die Legitimationsfrage

Auf welcher Legitimation beruht es denn eigentlich, dass Redakteure, die von öffentlichen Mitteln namens Presseförderung und Inseraten leben und nur zum Teil vom Leser bezahlt werden, ihre permanenten Handlungsanweisungen an die Politik absondern und sich zur fleischgewordenen Deutungs- und Moralhoheit aufschwingen? Reicht es als Ermächtigung, ständig nach der ohnehin verfassungsmäßig garantierten Freiheit der Presse zu rufen und mit diesem Ruf alles zu rechtfertigen, was vom Schreibtisch aus ins Publikum geworfen wird? Ist da neben aller notwendigen Kritik, die die Politik unbestritten braucht, nicht auch ein eminenter und ungeheurer Missbrauch der Medienmacht im Gange?

 

Die Verführungsgefahr ist groß

Als Journalist ist man immer gefährdet, aus seiner Rolle herauszufallen, über das Ziel hinaus zu schiessen und sich zu übernehmen. Die Verführungsgefahr ist riesig: Man hat keinerlei politische Verantwortung, darf und will aber politisch fleißig mitreden - und die meisten Politiker sind noch dazu willfährige und oft devote Interviewpartner. Als Journalist muss man nie einem Wähler Rede und Antwort stehen, darf aber ständig laut sagen und schreiben, wie Politik eigentlich zu funktionieren hat und wie Politiker sein sollen. Jede Kritik und jedes subjektive Urteil ist erlaubt, man hat ja die Pressefreiheit. Wer da als Journalist nicht schwach wird und sich trotzdem auf seine objektive und kritische Rolle zurückzieht, muss schon einen starken Charakter haben und über große intellektuelle Redlichkeit verfügen. (Um fair zu sein: Diese integren Leute gibt es natürlich in der Szene.)

 

Wehe, der Spieß wird umgedreht

In letzter Zeit passiert es immer häufiger, dass die Journalisten nun selber die Zielscheibe der politischen Kritik werden. Überraschenderweise finden nämlich immer mehr Politiker den Mut, Verfehlungen und Fragwürdigkeiten, die in der Medienszene passieren, aufzugreifen und öffentlich darzustellen. Das ist zweifellos ein "Verdienst" der Sozialen Medien, sie haben diese Entwicklung erst möglich gemacht.

 

Sobald aber Journalisten kritisiert werden (und sei es auch noch so berechtigt), bricht in der Szene das große Mimimi aus und man fühlt sich zunächst einmal unter Druck gesetzt, diskreditiert, angegriffen und verfemt. Aktuelles Beispiel ist der Fall des bisher immer seriös wirkenden ORF-Moderators Tarek Leitner, der mit SP-Bundeskanzler Kern privat mit der Familie geurlaubt hat und ihn nun in den offiziellen ORF-"Sommergesprächen" zur kommenden Nationalratswahl objektiv interviewen soll.

 

International ein NoGo

Das Nahverhältnis der beiden Herren wurde dieser Tage durch einen ÖVP-Politiker publik gemacht. Weder Kanzler noch Interviewer haben sich vorher etwas dabei gedacht oder, viel schlimmer, sie haben sich etwas dabei gedacht und der Gedanke lautete: Ist doch egal, wird schon keiner merken - und wenn, was solls, Freundschaft!

 

Was medienhygienisch international völlig undenkbar ist, scheint in Österreich, dem Land der Verhaberung und der Verfilzung, ganz einfach so zur Realität werden zu können. Und die Medienleute finden nichts dabei, kein Aufschrei, kaum Selbstkritik. Nur eben Mimimi, weil man entdeckt wurde.

 

Wenn Trump das gemacht hätte...

Man stelle sich vor, Donald Trump hätte vor der US-Wahl mit einem Freund, der führender Moderator eines großen Senders ist, privat geurlaubt und sich dann ohne Erwähnung dieses Urlaubs und der Freundschaft von diesem Herrn offiziell zu seiner Politik interviewen lassen und die Sache fliegt auf - der nachfolgende Shitstorm würde dem Präsidenten noch heute ins Gesicht blasen. 

 

Die bösen, bösen Politiker

Doch Österreich, du hast es besser: Hierzulande sind natürlich die Aufdecker die bösen und nicht jene, die das Unanständige tun wollen. In einer wie auf Befehl gestarteten Solidaritätsaktion haben eine Reihe namhafter österreichischer Journalisten sofort Partei für den ORF-Moderator ergriffen und ihn verteidigt. Der ORF selber hat einen bitterbösen Protestbrief publiziert.

 

Die Kritik ist unser

Es ist ja auch ungeheuerlich: Die sonst immer so ätzenden und kritischen Medien-Mimosen sind überraschend von der bösen Politik "gekränkt" worden. Da muss das beleidigte Wehklagen ja nun laut, vorwurfsvoll und penetrant durch die Social Media klingen. In den Print-Medien schreiben die üblichen Verdächtigen ihre verharmlosenden Kommentare dazu und überhaupt möchte man möglichst rasch zur Tagesordnung übergehen. Die Kritik gehört dem Journalismus. Und nur dem Journalismus, Basta!

 

Eine Ironie dabei ist, dass der österreichische Boulevard- und Gratiszeitungs-Kaiser Wolfgang Fellner die dringend notwendige mediale Selbstkritik äußern muss. Fellner, der von seinen "Qualitäts"-Medienkollegen immer gebasht und verächtlich kommentiert wird, findet als einziger die richtigen Worte zur Causa Leitner

 

Der Sukkus der anderen Medienleute ist: Soweit kommts noch, dass man sich als Journalist einer berechtigten Kritik stellen muss - noch dazu von Politikern. Und bitte, der ORF ist sowieso sakrosankt, der hat doch schon immer gemacht, was er will. Oder halt das, was die gerade stärkere Regierungspartei in einer Koalition will. Und schon fallen einem wieder Friedell und Tucholsky ein...

Kommentar schreiben

Kommentare: 11
  • #1

    michaelcollins (Montag, 04 September 2017 08:37)

    Vor Jahrzehnten hat ein Freund dieses Bonmot geäussert:
    Watergate auf österreichisch ?
    Da wäre nicht der Präsident zurückgetreten, sondern die Journalisten gefeuert worden.
    Damals so wahr wie heute.
    Kürzlich habe ich diese treffende Bezeichnung gelesen :
    Rudeljournalisten.
    Presse und Politik haben sich in eine Symbiose begeben, ein kritischer Artikel und der Journalist verliert alle Vorteile.
    Keine Exklusivinterviews, keine Einladungen zu was auch immer, kein sich mehr als äusserst wichtig fühlend.
    Journaillie, in dem das Wort Kanaillie steckt, Lügen- und Lückenjournalismus. Diese abfälligen Bezeichnungen haben sie sich unredlich verdient.
    Eine Freundin wurde ihrer Meinung nach unberechtigt im Forum einer "Qualitätszeitung" als User gesperrt. Sie hat schriftlich protestiert und als so entlarvende Antwort kam: uns ist die Meinungsfreiheit ein hohes Gut.
    Uns. Also nicht die Meinungsfreiheit der User, sondern die der Zeitung.
    Das ist ja der Grund, warum die Politik so heftig daran arbeitet, die sozialen Medien unter Kontrolle und Zensur zu bekommen, warum man mit den Mitteln der Justiz Unliebsame und Unbotmäßige bestraft.
    Gewaltenteilung? Rechtsstaat?
    Auf eurem Weg habt ihr euch verloren.
    Bin gespannt, wann es Dr. Franz oder einigen kritischen Usern an den Kragen geht, wann wir wegen "Verhetzung", weil wir den sakrosankten Islam kritisiert haben, vor einer Richterin, die sich ja besonders darin hervortun, stehen werden.
    Nicht möglich ?
    Und ob.
    Elisabeth Sabaditsch-Wolff, Dr. Adam sind nur zwei Beispiele. Verurteilt rechtskräftig wegen Verhetzung, in Wirklichkeit wegen Islamkritik.
    Seltsam, wann hat man jemanden wegen übler Verunglimpfung des Christentums verurteilt ? Ach so, das ist ja entweder Kunst oder Meinungsfreiheit.
    Nur beim Islam, da kennt die Justiz keine Gnade, es sei denn, man ist ein islamischer Zugewanderter, da wird man auch bei sexuellem Missbrauch an Kindern auf freien Fuß angezeigt. Man darf solchen Gestalten ja nicht das Menschenrecht auf Auslebung ihrer Sexualität rauben.
    Wer den süßen Duft der Freiheit geschnuppert hat, weiss, wie bitter und übel die galoppierende Diktaturisierung riecht.

  • #2

    michaelcollins (Montag, 04 September 2017 08:49)

    Es tut mir leid, nicht meine Schuld, dass der Kommentar doppelt ist, sooo wichtig nehme ich mich nun doch nicht :)

  • #3

    Ronny (Montag, 04 September 2017 09:39)

    Mainstreamjournalisten sind Kombattanten und somit vogelfrei.

  • #4

    Enka Latineg (Montag, 04 September 2017 10:30)

    Meinungsfreiheit ist ein Wunschgedanke. Immere werden aktuelle Machthaber Meinungen aus der eigenen Schublade auf die Überholspur setzen und Proteste bzw. andersartige Meinungen mehr oder weniger geschickt auszubremsen versuchen.
    Die "Journaille" ist ein wichtiges Instrument dafür. Nicht nur in gedruckter Form. Besonders mit den seit gut 20 Jahren etablierten sogenannten Talkshows kommen die Meinungsleitplanken direkt ins Wohnzimmer. Moderatoren sind ausgesucht und geschult nicht Passendes zu diffamieren und das Gewollte subtil in den Volkshirnen als gut oder positiv zu verankern. Das gelingt immer! Sobald ein geblockter Andersdenkender oder eine öffentlich gemobbte Nichtlinientreue vor laufender Kamera die Runde verlässt gilt diese(r) als entlarvte beleidigte Leberwurst und das Ziel ist auch erreicht.
    Jede Regierung, von welcher Farbe und Richtung auch immer, wird die Journaille aller Medien auf die eigene Sichtweise einjustieren. Damit ist es für die einzelnen Menschen umso wichtiger selbst zu denken . Das wird gerade wegen den eingefärbten Informationen, die bereits in der Schule auf die leicht manipulierbare , gezielt gefütterte Jugend gerichtet werden, immer schwieriger.

  • #5

    „ Die "Journaille" ist ein wichtiges Instrument dafür.“ (Montag, 04 September 2017 21:04)

    Nimm ihr die Presseförderung und das Problem ist größtenteils gelöst!

    <blockquote> Nicht nur in gedruckter Form. </blockquote> Nehmt ihnen die Möglichkeit Zwangsgebühren zu verhängen und auch das Problem ist gelöst!

  • #6

    Furzer (Montag, 04 September 2017 21:09)

    <cite> Nicht nur in gedruckter Form. </cite> Blockquote & andere bitte einbinden!

  • #7

    . (Montag, 04 September 2017 21:14)

    Prof. Dr. Paul Krugman
    hat’s längst gesagt: Die
    Ösi-Korruption liegt ir-
    gendwo bei Syrien und
    dem Iran.

  • #8

    Wolf Köbele (Montag, 04 September 2017 21:42)

    Wieso fällt Ihnen nicht als erster Karl Kraus ein? Soweit ich mich erinnere (die 24000 Seiten der "Fackel" habe ich 1978/80 gelesen/verschlungen), stammt der Begriff "Journaille" von ihm.

  • #9

    Adept (Montag, 04 September 2017 22:04)

    Apropos Mimimi
    Dr. Honigtau Bunsenbrenner in Aktion, Beaker alias Mimimi ist dabei.
    https://www.youtube.com/watch?v=Mggl7cC8iys
    Wo die Zukunft bereits heute gemacht wird....coming soon.
    Geschärfte Bananen.

  • #10

    Arbeitgeber raus nehmen und alles wird gut: die brauchen mehr Zwang, nichts sonst! (Sonntag, 10 September 2017 21:15)

    https://www.thedailyfranz.at/2017/09/09/pflicht-und-zwang-im-kammer-staat/

  • #11

    Artikel der freien Meinung sperren (Dienstag, 12 September 2017 08:41)

    zeigt dem Leser deine wahre Züchtigungspolitik an; Ups, da hast du dich aber enorm verraten!