Die Politik und die Ärzte

 

Ärzte, die in der Politik aktiv sind, werden oft als Querdenker wahrgenommen. Wenn sie sich nicht ausschließlich auf die Gesundheitspolitik konzentrieren, fallen sie oft noch viel mehr auf. Dabei tun die meisten politisch aktiven Ärzte gar nichts anderes als das, wofür sie ausgebildet sind und worin sie unbestritten als einzige Berufsgruppe überhaupt die beste Erfahrung und Kompetenz haben: Sie stellen Diagnosen und empfehlen Therapien - nach bestem Wissen und Gewissen und möglichst wahrheitsgetreu.

 

Der Arzt als politisches Feindbild

Das ist vielen Apparatschiks und Polit-Funktionären sehr oft ein Dorn im Auge und es stört auch recht viele Medien-Leute ganz gewaltig, denn gar nicht wenige von ihnen halten sich selber für die besten Polit-Diagnostiker und geben in ihren Kommentaren daher stets Therapie-Empfehlungen ab - allerdings ohne jemals eine politische Verantwortung zu übernehmen.

 

Ärzte sind von ihrem Berufsverständnis her die Verantwortungsträger schlechthin und scheuen diese auch in der Politik nicht. Der Status des Arztes, die intellektuelle Sicherheit, die Unabhängigkeit und die Grundsatztreue schaffen natürlich fast jedem Arzt in der Politik Feinde. Das Paradebeispiel der Ärztefeindschaft bot ein historischer Diktator: Josef Stalin wusste um die politische und intellektuelle Redlichkeit der meisten Ärzte, sie standen bei ihm ganz oben auf der Liste seiner Feinde.

 

Dass die medizinische Versorgung der Bevölkerung eine hochpolitische Angelegenheit ist, weiss man nicht erst seit der Erfindung der Krankenversicherungen. Es gibt in der zivilisierten Welt grundsätzlich drei Zugangswege, ein Gesundheitssystem zu gestalten. Alle drei sind zutiefst weltanschaulich und daher politisch beeinflusst:

 

1. Rein privatwirtschaftlicher Zugang

In den USA oder in der Schweiz fußt die ärztliche Versorgung auf privatwirtschaftlichen Strukturen. Die Schweiz hat zwar eine Versicherungspflicht, aber kein staatliches oder selbstverwaltetes öffentliches System wie Österreich oder Deutschland. In den USA gibt es entgegen der bei uns verbreiteten Horrorgeschichten aber sehr wohl staatliche Sicherungsnetzwerke wie Medicare und Medicaid. Beide Vorzeige-Länder der Privatmedizin stehen für eine wirtschaftsliberale und stark auf dem Individuum aufbauende Grundsatzpolitik. Dies ist die politische Voraussetzung, um überhaupt Privatmedizin in solchen Dimensionen aufbauen zu können.

 

2. Zugang über selbstverwaltete öffentliche Krankenversicherungen

Diese auch "Bismarck-System" genannte Form des Gesundheitswesens findet man in Österreich und Deutschland, aber auch in Frankreich oder Italien. Der deutsche Reichsfürst Bismarck veranlasste für die nach der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert entstandene und zahlreich gewordene Arbeiterschaft die Entwicklung der Kranken- und Penisonskassen. Im Wesentlichen glichen sie den Selbstverwaltungskassen, welche die Handwerkergilden schon länger besassen. Der einfache Clou dahinter war: Junge Werktätige zahlen Beiträge ein, um ältere und kranke Kollegen damit versorgen zu können.

 

Dieses zünftisch strukturierte Wesen der Kassen, das auf vielen jungen Beitragszahlern beruht, war einst ihre Stärke. Genau diese ist aber heute wegen der Demografie (Alterung) zu ihrer Schwäche geworden. Politische Einflussnahmen über Interessensvertretungen (Gewerkschaften, Kammern etc.) gehören dafür zum Alltag der Kassen. Für den Einzelnen ist die Situation kaum zu überblicken, da die Unzahl der Kassen ein transparentes Wirtschaften sehr schwierig macht und jeder Bürger sowieso auch Zwangsmitglied sein muss und keinen Einfluss ausüben kann. Der Slogan "Selbstverwaltung" ist also in Wirklichkeit recht hohl und funktioniert bei den kleineren Kassen noch am besten.

 

3. Zugang über staatliche Systeme

Steuerfinanzierte Gesundheitssysteme, die über die Allgemeinheit und nicht über Selbstverwaltungen und Beitragszahler  finanziert werden, gehen auf den englischen Lord Beveridge zurück und sind nach ihm benannt worden. ("Beveridge-Systeme"). Die Budgets für diese zentral gesteuerten und direkt der Regierung bzw. dem Parlament unterstellten Strukturen werden von den politischen Machthabern erstellt, der Bürger und Steuerzahler hat kaum Einfluss darauf. Die Systeme laufen daher stets Gefahr, Ähnlichkeiten zu altsowjetischen Apparaten zu entwickeln, sofern nicht ständig gegengesteuert wird. Beispiele für staatliche Systeme sind das britische NHS oder das staatliche System in Dänemark. Ersteres hat einen eher zweifelhaften, zweiteres dafür einen sehr guten Ruf.

 

In Österreich und Deutschland sind die Privatwirtschaft, Lord Beveridge und Fürst Bismarck "partnerschaftlich" vertreten: Die beiden Länder verfügen über eine Kombination aus den drei Systemen. Wir verwenden Steuermittel als Subvention für den stationären Sektor, haben zwangsverpflichtete Beitragszahler für die ambulante Versorgung beim niedergelassenen Arzt und führen Privatspitäler für jene, die sich private Medizin leisten können und wollen. 

 

Mit den Ärzten steht und fällt die Versorgung

Die Ärzte tragen in jedem Gesundheitssystem die größte Verantwortung, das wird niemand bestreiten. Dieses Faktum schmälert aber nicht die große Leistung der anderen Gesundheitsberufe, ohne die ein funktionierendes Gesundheitswesen ja gar nicht möglich wäre.

 

Um was es geht, sind die immer wieder und immer heftiger rollenden Angriffe auf das Wesen des Arztes an sich. Der Arzt soll nach der postmodernistischen Auffassung jener Ideologen, die sich heute Gesundheitspolitiker und Gesundheitsökonomen nennen, auf eine reine Dienstleisterrolle beschränkt und zum Systemerhalter umfunktioniert werden.

 

Die Abschaffung des Arztes

Der Arzt soll heute nicht mehr Arzt, sonder reiner Medizinarbeiter sein. Als solcher soll er möglichst transparent und computerkompatibel seine in umfangreichen Leistunsgkatalogen vorgegebenen Tätigkeiten absolvieren und diese auch lückenlos in der EDV dokumentieren. Diese weithin zu beobachtende Grundhaltung entspringt einem bürokratischen Kontrollzwang und einer ressentimentgeladenen Ärztefeindschaft, die zur Ideologie geworden ist. Diese Ideologie will den ärztlichen Beruf seiner wichtigsten Eigenschaften entkleiden: Die persönliche Zuwendung, die Empathie, die Zeit für den Patienten, das persönliche Vertrauen und all diese anderen besonderen Dinge, die bei Diagnose- und Therapie-Erstellung das Fundament für eine erfolgreiche Behandlung bilden, werden durch jede Reform reduziert und abgewertet.

 

Es ist trotz gegenteiliger und in Wahlkampfreden gern gebrachter Ansagen natürlich das Ziel aller mit der Gesundheitsversorgung befasster Politiker, den klassischen Arzt abzuschaffen. Am Ende soll der medizinische EDV-Sklave stehen, der steuerbar, kontrollierbar und vor allem niemals selbstständig ist. Was dem Arzt dafür immer bleibt, ist die Verantwortung. Die dafür notwendige Freiheit und seine Selbstständigkeit sollen ihm allerdings genommen werden. 

 

Zentren statt Zuwendung

Mit der Demontage des Hausarztes hat dieser Vernichtungskrieg begonnen. Der Feldzug wird nun fortgesetzt mit einer fast schon wahnhaften Umsetzungslust an der Realisierung der kürzlich im österreichischen Parlament beschlossenen sogenannten Erstversorgungszentren, in denen der Arzt nur noch einer von vielen Gesundheitsdienstleistern sein und dort "im Team" arbeiten soll. Staatliche Vorgaben und Konditionen der Kassen ragen solcherart immer weiter in die ärztlichen Tätigkeiten hinein - natürlich alles im Sinne des Patienten.

 

Das neuen Versorgungsmodell klingt am Papier wunderbar und man hat dafür sogar eine eigene Begriffswelt geschaffen, die nur so strotzt vor Wörtern wie Patientenorientiertheit, Augenhöhe, Multiprofessionalität und Versorgungsziele. Letztlich hat man aber damit nichts anderes im Focus als eben die Abschaffung des einzelnen Arztes, der im Dienste der Bevölkerung seine Klientel nach bestem Wissen und Gewissen betreut und sich um das Individuum persönlich kümmert.

 

Kurpfuscherei im und am System

Die Perfidie dieses politisch gewollten Strukturwandels ist enorm: Fast keiner der Leute, die an der Entwicklung dieser "Neuen Medizin" beteiligt sind, hat eine ärztliche Ausbildung. Einzelne verfügen zwar über ein abgeschlossenes Medizinstudium, viele über juristische oder betriebswirtschaftliche Expertise, aber es sind in den verantwortlichen Gremien praktisch keine Ärzte zu finden - und wenn, dann nur als geduldete Auskunftspersonen. 

 

Man stelle sich vor, das österreichische Justizwesen würde umfassend reformiert und man würde diese Reform fast ohne Juristen durchführen. Wie laut wäre der Aufschrei in den Medien? Die üblichen aufgeregten Kommentatoren würden (zu Recht!) schäumen vor Empörung und das Ende des Rechtsstaates ausrufen. Geschieht ähnliches im Gesundheitswesen, wird diese systematische Kurpfuscherei von den unbewusst(?) ärztefeindlichen Medien-Leuten kaum kritisiert, sondern sogar noch begrüßt, oft akklamiert und immer wieder gerechtfertigt. 

 

Die noch regierende SPÖ hat hier übrigens großes Geschick bewiesen und in der heiklen Phase eine medial gut darstellbare Ministerin ins Amt berufen: Frau, eloquent, sympathisch und zumindest theoretisch Ärztin. Das ist hilfreich, wenn die Systemgestalter Projekte umsetzen wollen, die im Grunde das Ende eines Berufsstandes vorbereiten sollen. 

 

Gibt es Gegenmittel?

Natürlich: Die Ärzteschaft muss sich ihrer Stärken wieder bewusst sein und diese leben. Die Stärken heissen Selbstverantwortung, Freiheit des Berufsstandes, direkte und unmittelbare Behandlung des Patienten und nicht zuletzt ärztliches Ethos - also Anstand und Charakter in einem moralisch integren Weltbild. Die Patienten haben das immer schon erkannt und die Leute wissen sehr schnell, wer ein guter Arzt ist und wer nur ein Schwadroneur oder williger, aber frustrierter Systemerhalter. 

 

Die Patienten haben deswegen schon längst mit den Füßen abgestimmt: Wer es sich leisten kann, geht privat zum Wahlarzt. Oder der Patient hat das Glück und ist bei einer kleinen Kasse (wie BVA oder KFA) versichert. Der Wahlarzt nimmt sich jedenfalls Zeit, hört zu, trifft individuelle Entscheidungen und wird seinem Berufsbild  "Arzt" gerecht, weil er das tut, was richtig ist und das, was sich der Patient zu Recht erwartet. Und wer ins Spital muss, ist heute wirklich froh, eine Privatversicherung zu haben.

 

Die Massen-Ärzte (also diejenigen, die in ein Vertragsverhältnis mit den Gebietskassen eingebunden sind oder in Ambulanzen öffentlicher Spitäler arbeiten) tun sich schwer, denn sie sind die Zielobjekte der nichtärztlichen, rein auf Zahlen, Kontrolle und Bürokratie konzentrierten System-Umbauer. Allerdings haben diese Ärzte die Möglichkeit, ihre Verträge zu kündigen und ebenfalls Wahlärzte zu werden. 

 

Paradoxerweise steht also in Wirklichkeit ein Systemwechsel bevor, von dem noch nicht ganz klar ist, ob ihn die sozialstaatlich geprägten Systemingenieure auch so haben wollen: Wenn sie das so möchten,  wären sie Zyniker der reinsten Sorte. Vielleicht passiert er ihnen aber auch nur, weil sie einfach nicht auf die Ärzte hören wollen und die Missachtung eines ganzen Berufsstandes ihnen den Hausverstand vernebelt hat. Wir dürfen gespannt sein - die Wahrheit wird eher über kurz als über lang ans Tageslicht kommen.  

 

 

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Ist die Farbe der Hoffnung nicht grün und/oder gelb? (Sonntag, 17 September 2017 22:20)

    https://drive.google.com/file/d/0BytICGBQUiX5emtsVFJnT2dBekk/view?usp=sharing

  • #2

    Eure Politik: (Sonntag, 17 September 2017 22:29)

    https://youtu.be/75QHUxqToIA?t=101

  • #3

    Hans-Werner Sinn meint: (Sonntag, 17 September 2017 22:34)

    https://www.youtube.com/watch?v=XywU9PfLuUE – Eure Politik!

  • #4

    So noch einmal: (Sonntag, 17 September 2017 22:46)

    https://www.youtube.com/watch?v=QQEQTsZ60jg&feature=youtu.be&t=10

    Geht ja so schwierig rein in die Birnen deiner Leser wie der Ösis überhaupt.