Das Gleichheitsprinzip als Kulturzerstörer

Das Einebnen aller Unterschiede war und ist eines der großen Ziele des nach wie vor existierenden europäischen Marxismus. In seiner heutigen Form kommt das marxistische Gedankengut stets gut verkleidet daher, denn kaum jemand bekennt sich öffentlich dazu, ein Marxist zu sein. Man ist heute einfach nur "linksliberal", man steht für ein gemeinsames Europa ohne Grenzen, für soziale Gerechtigkeit und  "Menschlichkeit" auf allen Ebenen, für eine großzügige Migrationspolitik, für Toleranz und alle anderen in den Mainstream-Medien verbreiteten Begriffe und man fühlt sich berufen, den Humanismus stets auf neue erfinden zu müssen. Man demonstriert seinen aus diesem Potpourri entstandenen und mit der linken Weltanschauung verquickten Tugendstolz natürlich auch gerne in der Öffentlichkeit. Besonders gut gelingt das, wenn man linker Politiker, Künstler oder sonst ein Promi ist.

 

Eine Ironie der Geschichte

Die Ironie der Geschichte will es, dass der gleichheitsorientierte Marxismus, der heute vor allem als Kultursozialismus in Erscheinung tritt, in den letzten Jahrzehnten unerwartet und immer stärker regelrechte Schützenhilfe vom Liberalismus bekommen hat. Der Liberalismus hat sich von seiner ursprünglichen Form, die am selbstbestimmten Handeln des Individuums orientiert und eine zutiefst bürgerliche (also rechte) Erscheinung war, immer weiter entfernt und ist zunehmend vom Gleichheitsgedanken dominiert worden. Wo früher persönliche Identität, Individualismus und Mündigkeit waren, da soll heute umfassende Gleichheit herrschen.

 

Die Degeneration der Liberalen

Der Liberalismus ist durch die Dominanz des Gleichheitsgedankens zur Beliebigkeitsphilosophie verkommen, die jeder Haltung, jeder Weltanschauung, jeder Religion und jeder Kultur letztlich dieselbe Wertigkeit zumessen will: Es ist völlig egal, was du bist, die Hauptsache ist, du darfst es sein und du wirst wegen deiner jeweiligen Einstellung keinesfalls irgendwo kritisiert, zurückgewiesen oder gar benachteiligt. Man hat dafür so schöne Slogans wie "Diversity" oder "Einheit durch Vielfalt" entwickelt und vermeinte, mit der Beliebigkeit die Erfüllung jedes humanistischen Gedankenguts gefunden zu haben. Die ehemals auf den bürgerlichen Werten aufbauenden Liberalen sind den Kultursozialisten freudig auf den Leim gegangen, weil sie damit dem schlechten Gewissen, das die linken Gleichheitsprediger ständig bei Andersdenkenden verankern wollen, elegant ausweichen konnten. 

 

Bei den Marxisten haben sich die heute nur nach Beliebigkeit agierenden Liberalen mit ihrer Metamorphose daher schnell die besten Freunde gemacht. Die wendigen Linken haben sofort begriffen, dass sie hier massive "kulturelle" Unterstützung bekommen.  Umgehend wurde der Ausdruck "linksliberal" als neue Kennung erfunden, der Begriff kryptomarxistisch besetzt und mit einem zeitgeistigen Anstrich versehen. Wer etwas auf sich hielt und modernistisch agieren wollte, der nannte sich alsbald linksliberal und tut dies noch heute.

 

Aus Kontrahenten wurden Partner

Liberalismus und Marxismus sind an sich fundamentale Gegensätze. Man konnte die Legierung aus diesen beiden Weltanschauungen nur schaffen, indem eine sich grundlegend veränderte - und das war der Liberalismus, er degenerierte. Erst die Union des Kulturmarxismus mit der degenerierten Form des Liberalismus hat die neuen Ausprägungen und Spielarten des Gleichheitsprinzips ermöglicht: Der gesamte Feminismus, die Gender-Philosophie und die #EheFuerAlle-Bewegung wären heute ohne Unterstützung der seit Jahrzehnten auf einem intellektuellen Irrweg herumtaumelnden neuen Liberalen so nicht möglich gewesen.

 

Man muss die Konsequenzen dieser unseligen und widersprüchlichen Allianz zu Ende denken: Die einen wollen erklärtermaßen die kulturellen, ökonomischen und sozialen Unterschiede global verwischen und am liebsten würden sie einen Einheits-Weltstaat errichten, der unter dem Signum der Gleichheit allen Menschen die gleichen Möglichkeiten bietet. Sie sind der Ansicht, dass man nur so die Rettung der Menschheit im Diesseits einleiten kann. Die anderen wollen unter ständigem Verweis auf die individuellen Rechte des Einzeln jedem sein Glück auf Erden verschaffen und vergessen dabei, dass gleiche Rechte auch gleich Pflichten bedeuten und dass die kulturellen Unterschiede die Umsetzung der bleibigkeitsliberalen Denke a priori verhindern.

 

So geht Kultur nicht

Alles, was Kultur ist, hat Gestalt. Das Gleichheitsprinzip nimmt dieser Gestalt jedoch immer und überall ihr Wesen. Dabei ist es völlig egal, ob die Gleichheit von links gedacht wird oder ob sie aus dem liberalen Weltbild kommt. Die von den Linksliberalen so lange und so gern herbeifantasierte neue Kultur einer rein säkularen und strikt auf Gleichheit basierenden Orientierung des Menschen kann auch nicht in Form eines Multi-Kulti-Denkens umgesetzt werden, in dem man jedem Menschen und jeder Community die jeweiligen Lebensentwürfe und die jeweils eigene Kultur zubilligt und es keinen ordnenden Überbau gibt. Das kann in der Realität nicht funktionieren. 

 

Was dabei herauskommt, haben wir in den letzten Jahren in Europa schmerzhaft erkennen müssen. Die europäische Kultur sucht nun verzweifelt nach ihrer Identität und alle, die erkannt haben, was es geschlagen hat, rufen nach der Leitkultur und nach der Identität. Durch das zu lange angewandte falsche linke Konzept der kulturellen Dekonstruktion im Namen der Gleichheit ist diese Leitkultur aber nur noch vage zu erkennen und es bestehen nicht zuletzt aufgrund der demografischen Situation berechtigte Zweifel, ob eine Reanimation überhaupt noch gelingen kann. 

 

Bisher haben nur jene Nationen und Kulturräume zu einer verstärkten Präsenz gefunden, die ihre eigene Identität betonen und sich klar dazu bekennen. Die Rede ist natürlich von den osteuropäischen Ländern, die wohl aufgrund ihrer mühevollen kommunistisch-marxistischen Vergangenheit  einen besseren Blick auf das haben, was Europa bedeuten kann und soll. 

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Die Zahl gegen das Wort

In der modernen Medizin erleben wir heute einen zunehmenden Verlust der Sprache zugunsten eines dramatischen Zugewinns an Zahlen. Das Wort, welches nicht ohne Grund als biblisch-mythischer Anfang der Welt verstanden wird und als solches eine Grundbedingung des menschlichen Lebens darstellt, dieses Wort ist scheinbar nicht mehr notwendig, um Rahmen und Inhalt medizinischer Handlungen festzulegen. Gesteuert werden die Art und Weise von medizinischen Maßnahmen durch Zahlen: Laborwerte können auf Mikroliter und Nano-Einheiten genau bestimmt, Dichtewerte von Gewebe oder Knochen vom Computer auf Millionstel genau berechnet werden. Alle modernen bildgebenden Verfahren sind ohne die zahlenvermittelte EDV-Technik unmöglich.

 

Alles im und am menschlichen Körper Befindliche kann vermessen, gezählt, gewogen und somit in Zahlen gegossen werden. Und mit diesen Zahlen werden die Behandlungsrichtlinien und Therapie-Empfehlungen vorgegeben. Rechnerische Grenzwerte definieren Gesundheit und Krankheit. Die Sprache, die Wertigkeit der klinischen Symptomatik und die Beschwerden des Patienten treten dadurch in den Hintergrund. Die Medien befördern mit Verve die zahlenmäßigen Vorgaben der Medizin, Ziffern lassen sich griffig und gut transportieren: Sollwerte von Blutdruck oder Cholesterin zum Beispiel sind  heute jedermann ein Begriff.

 

Eine ärztliche Routine-Untersuchung ohne die Erhebung von Laborwerten, EKG, Blutdruck- und Herzfrequenzmessung ist im Grunde gar nicht mehr vorstellbar, denn Arzt und Patient brauchen zumindest ein paar Basis-Zahlen, um überhaupt miteinander reden zu können. Erst die Zahl erlaubt die Sprache. Ohne das scheinbar Exakte der medizinischen Zahl breitet sich bei orthodoxen Medizinern die Sprachlosigkeit aus, denn liegen keine gemessenen Daten vor, ist klassische, naturwissenschaftlich orientierte Schulmedizin nicht möglich. Die durch die Zahl erlaubte medizinische Sprache wird aber tendenziell zu einer Prothesensprache, da sie umso mehr an den klassischen Sprachinhalten verarmt, je mehr Zahlen vorliegen.

 

 Letztlich wird die Sprache durch die Zahlen sogar pervertiert, denn sobald sich das ärztliche Gespräch auf die Wiedergabe von technologisch erhobenen Befunden und Laborwerten reduziert, werden die menschlichen und emotionalen Faktoren der ärztlichen Behandlung asymptotisch gegen Null gehen.  Sprechen heißt in diesem Umfeld dann  nur mehr übersetzen. Die nackten, für sich betrachtet aussagelosen Zahlen eines Laborbefundes etwa werden vom Arzt translatorisch mit Bedeutung versehen und dem Patienten „ausgedeutscht“. Im Grunde spricht auf diese Weise der messende Apparat durch und über den medizinischen Dolmetscher mit dem Patienten.

 

Ein weiteres Kennzeichen der Zahlen-Medizin ist, dass der körperliche Kontakt zwischen Arzt und Patient immer weniger wird, weil der Bildschirm des Arzt-Computers zum zentralen Aktionsfeld geworden ist. Die Körpersprache verschwindet so aus der Medizin. Zuerst müssen alle Daten und Zahlen in den PC eingegeben sein, erst dann ist Medizin möglich. Und ohne den Patienten zu untersuchen respektive zu berühren lässt sich dieser heute mittels moderner, zahlenbasierter Technologien sofort ins Labor, zum Röntgen oder zum Kollegen überweisen. Ein Be-handeln kann sich dabei durchaus auf den Händedruck bei der Begrüßung beschränken, die Medizin wird ohnehin von den messenden Apparaten übernommen. Mit Roboter- und Telemedizin scheint diese Tendenz zur rechnergestützten, technokratischen Behandlung um eine gar noch nicht abzuschätzende Dimension erweitert.

 

Freilich: Rein naturwissenschaftlich betrachtet ist das alles korrekt. Der Mensch wird durch die medizinischen Technologien objektiviert, in seine messbaren Anteile zerlegt und so der konkreten medizinischen Behandlung zugeführt. Der Erfolg wird dementsprechend nur durch die Kontrolle der gemessenen Werte festgestellt, die allgemeine Quantifizierung ist das Dogma der modernen Medizin. Folgerichtig ist heute die exzessiv von Apparaten, Zahlen und Messparametern beherrschte Intensiv-Medizin die  im Wortsinn als intensivste, also wirkungsstärkste Form von Medizin empfundene Fachrichtung. 

 

Im Gegenzug ist die Frage „Wie geht es Ihnen?“ zur Floskel verkommen, deren negative Beantwortung den Arzt in eine peinliche Situation stürzt und sofort weitere Zahlenerhebungen bzw. Untersuchungen notwendig macht. Medizinische Untersuchungen werden heute solange fortgesetzt, bis irgendein messbares und quantifizierbares Ergebnis vorliegt. Wenn alle Zahlen und Messungen dennoch unauffällig sind und der Patient trotzdem leidet, dann wird dieses Leiden als naturwissenschaftlich unerklärlich qualifiziert und dem Patienten empfohlen, es doch mit einer Psychotherapie zu versuchen.

 

Das Wort, an dem der Arzt ohnehin niemals war,  dieses Wort wird solcherart von der Medizin an sprachmächtigere Versorgungseinheiten weitergegeben. Die Human-Medizin gibt aber gerade dadurch ihre humane Grundlage preis und entwertet sich zu einem biologistisch-mechanistischen Instrument. Gegenläufige Trends wie die Betonung der Wichtigkeit von Lebensqualität im Rahmen medizinischer Behandlungen erscheinen nur auf den ersten Blick als solche: Alle sogenannten Quality-of-Life-Messungen laufen letzten Endes wiederum auf Zahlen hinaus, denn sie werden in Scores und Punktewerten wiedergegeben, das heißt gemessen.

 

Der Drang nach der Erhebung möglichst vieler Zahlen in der Medizin ist nicht nur ein Effekt des neuzeitlichen naturwissenschaftlichen Paradigmas, sondern er offenbart auch ein menschliches Grundbedürfnis: Nämlich jenes nach Kontrolle. Nur was der Mensch  messen oder zählen kann, das kann er auch kontrollieren und in der Folge  beeinflussen. Durch die Anhäufung riesiger Datenmengen kann man in jeder Sparte statistische Wahrscheinlichkeiten errechnen und daraus Maßnahmen für oder gegen etwas ableiten. Und natürlich will der Mensch vor allem seine Gesundheit kontrollierbar, messbar und steuerbar machen, er hat ja nur die eine. Die naturwissenschaftliche Herangehensweise an die Erhaltung und Wiederherstellung von Gesundheit hat sich aus diesen Gründen in den westlichen Gesellschaften seit der Aufklärung in breitem Maße durchgesetzt.

 

Gleichzeitig will der Mensch im medizinischen Bereich aber auch und vor allem die Zuwendung, die Ansprache, das Verständnis und die Empathie, kurz, er will Mensch sein und bleiben, wenn er in die medizinische Maschinerie gerät. Neben der  vor allem durch die Zahlen vermittelten rationalen Zugangsweise zur Welt gibt es ja auch eine andere, wirkungsmächtigere und nicht rationale Gegebenheit: Die Rede ist vom Wesen des Menschen per se. Ob man dieses nun als Emotionalität, Seele, Psyche, Bewusstsein, Persönlichkeit oder was auch immer bezeichnet, ist sekundär.

 

 Spürbare Realität ist, dass mit der Ratio alleine und nur mit den Zahlen menschliches Leben im Sinne der conditio humana  nicht möglich ist. Dieses benötigt immer auch den Logos, das Wort. In der Welt sein bedeutet ja letztlich, in irgendeiner Form zur Sprache zu kommen. Das Wort ist das Vehikel zur Kommunikation und zur interpersonellen Auseinandersetzung, es ist gleichermaßen wichtig für die Emotionalität wie für die Intellektualität. Zahlen können Dinge beweisen, Messungen belegen und Untersuchungsergebnisse darstellen, Worte aber können den Patienten trösten, aufheitern, klüger machen, überzeugen und bestärken. Anders ausgedrückt: Die Physik wird durch Zahlen und Formeln erkennbar gemacht, aber die Metaphysik – und diese gehört zum Wesen des Menschlichen ganz zweifellos -  benötigt unabdingbar das Wort.

 

Wenn also die Zahl wichtiger wird als dieses Wort, dann gerät der Mensch in die Bredouille. „Ihre Blut- und Röntgenbefunde sind alle normal, medizinisch haben Sie nichts!“ ist ein oft geäußerter Satz in Ordinationen oder Spitälern. Den unauffälligen Befunden nach mag der Satz schon stimmen, er nützt allerdings dem Betroffenen, der sich krank fühlt, überhaupt nichts. Doch weil dem Paradigma der Zahlen folgend auch die Finanzierung der medizinischen Leistungen ihr Schwergewicht in den messbaren, technologischen Bereichen findet, wird kaum ein Arzt sich die Zeit für ein längeres und mit ziemlicher Sicherheit hilfreiches Gespräch mit diesem Patienten nehmen (können), denn der ebenfalls durch  Zahlen generierte ökonomische Druck zwingt den Arzt dazu, weitere technologische Untersuchungen anzuschließen.

 

Ein bezeichnendes Licht auf diese zahlendominierten Zusammenhänge werfen dazu die Honorarsätze der Krankenkassen: Für die sogenannte erweiterte diagnostisch-therapeutische Aussprache in der Länge von mindestens 15 Minuten erhält der Arzt zur Zeit etwa nur ein Drittel des Honorars dessen, was er für die Durchführung eines EKGs bekommt, das in 3 Minuten erledigt ist. Ein EKG ist messbar und durch Zahlen definiert, ein Gespräch eben nicht.  Allein mit diesem kleinen Beispiel ist der aktuelle Stellenwert  des ärztlichen Gesprächs ausreichend skizziert. Gibt es in der Schulmedizin etwas apparativ zu messen, dann wird das gemacht und auch bezahlt. Gibt es aber etwas zu besprechen, dann ist das, auch wenn es dem Patienten nachweislich hilft, kaum etwas wert und wird daher nicht oder nur selten gemacht. Das heißt, dass aus systemimmanenten Gründen generell ein massiver Trend zu den apparativen und interventionellen Untersuchungen und Therapien besteht, die wiederum das System immer teurer machen. Der Nutzen für den einzelnen Patienten ist jedoch oft marginal bis nicht vorhanden.

 

Unter diesem Paradoxon leidet die moderne Medizin und mit ihr der Patient ganz enorm. War vor 200 Jahren das Zuhören und das Reden in der damals noch dialektischen Arzt-Patienten-Beziehung unabdingbar und die Diagnose wesentlicher Teil des oft wortreichen Gespräches, so haben die Industrialisierung der Medizin und die daraus entstehende Verschiebung der Wertigkeiten zugunsten des Mess- und Zählbaren den Charakter der Medizin grundlegend verändert.

 

Natürlich gibt es eine Menge an Argumentationen, welche die Naturwissenschaft in der Medizin rechtfertigen und niemand möchte ernsthaft auf die Möglichkeiten der modernen Medizin verzichten. Die großen und allseits bekannten medizinischen Erfolge wie die maschinelle Beatmung oder die Entwicklung der Computertomografie sind zweifellos eindrucksvolle technologisch inspirierte Leistungen. Andererseits gibt es jedoch keinen Beweis dafür, dass die auf der technologischen Entwicklung beruhende zahlengesteuerte Medizin per se einen Einfluss auf die heute so hohe Lebenserwartung gehabt hätte. Dies wird von Epidemiologen, Soziologen und Statistikern übereinstimmend auf geänderte sozio-ökonomische Bedingungen,  bessere hygienische Verhältnisse etc. zurückgeführt.

 

  Die technokratische, naturwissenschaftlich untermauerte Medizin hat also ihre höchst fragwürdigen Seiten. Und dennoch gilt: Zahl schlägt Wort, absolut und in jeder Hinsicht. Der medizinische Materialismus und die Befundgläubigkeit sind vorerst jedem metaphysischen Gedanken und jedem ärztlichen Gespräch überlegen, zumindest in der orthodoxen Schulmedizin. Alle Leitfiguren des Gesundheitswesens, auch und vor allem die nicht-ärztlichen, beteuern zwar, dass der Mensch im Mittelpunkt jeder Medizin zu stehen habe. Aber in der Realität steht er dort dem gesamten medizinischen System im Weg, außer er fügt sich den techno- und bürokratischen Gegebenheiten, spricht nicht, meldet keine Bedürfnisse an und verhält sich so, wie es ihm die rechnergesteuerten Apparaturen vorschreiben, er sich also bedingungslos und schweigend der Zahl unterwirft.

 

Die Folge dieses Sieges der Zahl über das Wort ist, dass die Patienten von sich aus immer öfter in alternative und paramedizinische Bereiche abwandern. Wo alleine die nackte und stumme Zahl regiert, fühlt sich der Mensch nicht mehr wohl. Vom Heilmasseur bis zum Homöopathen, vom Handaufleger bis zum Schamanen profitieren ab jetzt alle jene Akteure, welche eine medizinische Versorgung abseits des naturwissenschaftlich Messbaren anbieten, dafür aber Raum für Zuwendung und Gespräch erlauben. Alle, die das Wort an die erste Stelle rücken, sind die Nutznießer der vom Patienten als Versagen empfundenen Sprachlosigkeit der modernen Medizin.

 

Doch was bedeutet dieser Befund für die Schulmedizin? Zunächst einmal ist er erschreckend: Die naturwissenschaftlich orientierte Medizin ist teuer, sie verbessert insgesamt nicht die Lebenserwartung und sie verschreckt die Patienten, weil sie diese a priori in ihre messbaren biologischen Parameter zerlegt. Sie wirkt und agiert ihrem Wesen nach inhuman und sie stellt sich selbst durch ihr materialistisches Dogma „Zahl vor Wort“ als die Medizin des Menschen in Frage.

 

Um die klassische Medizin zu retten, bleibt für die Schulmediziner daher nur die Rückbesinnung auf die alten, traditionellen Werte ihrer Profession: Das ärztliche Ethos, die Achtung vor dem Menschen und die Wertschätzung des Wortes als genuines Instrument der Begegnung zwischen Arzt und Patient. Die allzu lange hochgehaltene rein naturwissenschaftlich orientierte Herangehensweise an den kranken Menschen muss zugunsten einer erst wieder neu zu erlernenden Raumgebung für die metaphysischen Fragen des Daseins verlassen werden.

 

Alltagstauglich formuliert kann das heißen: Der Arzt muss zu seinen Wurzeln zurückkehren, dem Patienten zuhören und mit ihm reden. Und die Zahl muss wieder werden, was sie war: Ein Hilfsmittel für Diagnose und Therapie. Die Wiederaufwertung der ärztlichen Ur-Tugenden schließt auch mit ein, dass die Ärzteschaft in die immer heftiger werdende ökonomische Debatte, deren Ursache ja gerade im Etappensieg der Zahl über das Wort liegt, bestimmend eingreift. Der Mensch soll im Mittelpunkt der Medizin stehen, darüber sind sich ja alle einig. Und das kann er eben nur,  wenn das Wort seine ursprüngliche Bedeutung wiedergewinnt.

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Unfallversicherungsanstalt- wozu?

Die Regierung hat die Absicht, die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA) aufzulösen. Das ist ein guter Plan. Wozu brauchen wir eine solche Anstalt nämlich? Was genau leistet sie? Ihre in der Öffentlichkeit wahrgenommene Haupttätigkeit besteht im Betreiben von Unfallspitälern und Rehab-Zentren, die einen sehr guten Ruf haben und gute Arbeit leisten. Deswegen ging nach der Ankündigung der AUVA-Auflösung ein Aufschrei  durch die Medien und die Bevölkerung, weil viele Bürger fürchten, dass die Versorgung nun schlechter würde. Das ist aber definitiv nicht der Fall.

 

Es gibt keine rationalen Gründe

Um die Unfall-Krankenhäuser und Rehab-Zentren aufrechtzuerhalten (was absolut sinnvoll und notwendig ist), benötigen wir keine kostenintensive eigene Versicherungsanstalt, die einen hohen Verwaltungsaufwand generiert und ihre Existenzberechtigung auf das Betreiben der genannten Versorgungseinheiten und auf ihre historische Entwicklung begründet. "Uns gibt es schon seit 1887 und des hama immer schon so gemacht" ist zwar ein typisch österreichisches Argument, aber kein gutes. Man kann die Unfallspitäler und Rehab-Einrichtungen einfach in die Trägerschaft des Bundes überführen (so wie das z.B. bei Universitäts-Kliniken schon lange der Fall ist) und dadurch einen großen Verwaltungsapparat einsparen.

 

Es gibt auch aus medizinischer Sicht kein stichhaltiges Argument für das Betreiben einer eigenen Unfallversicherung, die wiederum eigene Spitäler führt. Mit der gleichen Logik könnte man öffentliche Krebs-Versicherungsanstalten fordern oder Urologie-Versicherungen oder irgendwelche anderen spezialisierten Krankenversicherungen, die jeweils eigene Spezialkliniken führen. Auf die Idee würde man vernünftigerweise gar nicht kommen - warum also soll es eine eigene AUVA mit eigenen Spitälern geben?

 

Die Widerstände sind durchschaubar

Die vielen Proteste, die von diversen Körperschaften und natürlich von der AUVA gegen die Regierungspläne geäußert werden, hinterlassen den Eindruck, dass es vor allem um Postenerhalt und um die Sicherung von jeweils eigenen Pfründen geht. Rationale Argumente sind kaum zu erkennen, denn die unfallchirurgische Versorgung lässt sich trotz oder gerade wegen der Straffung und Einsparung im Verwaltungsbereich sehr gut weiterführen.

 

Kein vernünftiger Mensch wird die Reduktion der medizinischen Leistungen oder Einsparungen in der Rehabilitation anstreben, aber jeder pflichtbewusste Verantwortliche wird danach trachten, unnötige Kosten überall dort zu vermeiden, wo es geht. Das Vorhaben der türkis-blauen Regierung ist daher zu unterstützen.

 

 

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